Eine ganz konkrete Frau

25. März 2002, 10:32
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Die Aufzeichnungen der Louise Bourgeois als Königsweg zur bildenden Kunst

Was soll man anfangen mit den Aufzeichnungen, Reden, Essays und Gedichten einer Bildhauerin, die uns ständig warnt: "Wörter sind mir verdächtig. Sie interessieren mich nicht, sie befriedigen mich auch nicht. Ich leide darunter, wie sich Wörter abnutzen. Ich misstraue den Lacans und Bossuets, weil sie mit den eigenen Worten gurgeln. Ich bin eine ganz konkrete Frau." Und ihre Aufzeichnungen sind dabei so verzaubernd und klar, ihr Denken flink und elegant, dass sie uns sofort zwingen zu herzlicher Freundschaft mit der jetzt neuzigjährigen Bildhauerin aus Paris.

Der französische Philosoph Gilles Deleuze sagte es so: "Das weite Feld ihrer Texte offenbart ein Begehren, drei Dimensionen zu besetzen, um Kontur und Greifbarkeit zu gewinnen". Das trifft wohl den Punkt. Nun, man müsste sich einmal eingestehen, dass uns die bildende Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts auf erschreckende Weise unbegreiflich bleibt. Man müsste zugeben, dass ein allein gelehriges Gerede darüber vor allem langweilig und ermüdend ist. Dann erst kann man die Bedeutung der Texte von Louise Bourgeois ermessen, die unser Herz an eine Existenzweise heranführt, welche ganz und gar in Kunst getränkt ist.

In Paris geboren studierte Bourgeois unter anderem bei Léger Malerei, heiratete mit 26 Jahren den amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater und ließ sich mit ihm in New York nieder. Über ihre neue Heimatstadt sagt sie: "Hier herrscht wirkliche Freiheit. Man kann ganz für sich leben, man kann aussehen, wie man will, man wird in Ruhe gelassen". Französischer Elitismus war nie ihre Sache. Sie stellt aus mit Pollock, Rothko und Kooning; mit vierzig Jahren nimmt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Ihr großer Ruhm, ihre Etablierung als die wohl bedeutendste Bildhauerin der letzten hundert Jahre folgt spät, dafür umso eindrucksvoller: Retrospektiven im MoMA, in der Hermitage in Petersburg, Vertretung der Vereinigten Staaten bei der Biennale in Venedig, Eröffnung der Tate Modern in London durch drei monumentale Arbeiten, und so weiter.

"Transparenz interessiert mich"

Wenn oft gesagt wird, Bourgeois Zauber liege in ihrer Weigerung begründet, Privates von Öffentlichem zu trennen, so stimmt dies nur teilweise: denn sie äußert nicht bloß ihr Inneres, gibt nicht einfach Privates, Intimes öffentlich preis - was eher Indiskretion wäre - sondern sie vermag es, ihr Intimstes selbst als Öffentliches zu setzen und damit die Unterscheidung tatsächlich aufzuheben: "Transparenz interessiert mich. Ich will transparent sein. Könnte man durch mich hindurchsehen, müsste man mich einfach lieben, mir verzeihen. Was ist der Unterschied zwischen beidem? Keiner." Sie erinnert sich also nicht etwa an ihre Kindheit, sie wiederholt sie, stampft wie ein Mädchen mit dem Fuß auf, schimpft mit ihrem Vater, beschwert sich, dass er sie mit anderen Frauen betrogen habe - es gibt in einer Familie doch Spielregeln! Und die Frau, mit der ihr Vater, der Landschaftsarchitekt und Segelflieger, der unwiderstehliche Gauner, sie betrügt ist ausgerechnet ihre Englischlehrerin Sadie. Eine seltsam passive, erstarrte Figur, die immer wieder geisterhaft in Bourgeois Arbeiten auftaucht.

Es ist ein großes Glück, dass die Herausgeber, Marie-Laure Bernadac und Hans-Ulrich Obrist, die Texte der Bildhauerin in der Weise ernst nehmen, die ihnen gebührt. Bilder von Skulpturen und Zeichnungen sind nur dort abgedruckt, wo sie für den Text auch notwendig erscheinen. Denn die heute beinahe selbstverständliche Zusammenschau von Text und Bild hat neben den kulturwissenschaftlich durchleuchteten Vorteilen auch die Gefahr, den Text zur redundanten Fußnote, zur Gebrauchsanweisung für Kunstdinge herunterkommen zu lassen. Es gäbe noch vieles über Bourgeois zu sagen; über ihren ebenso klarsichtigen wie unkonventionellen Feminismus, über ihre Auseinandersetzung mit Freud, über ihren Witz, die Geometrie... Doch schließlich bleibt nur noch übrig: man sollte dieses Buch lesen. DER STANDARD, Print-Ausgabe (Album) vom 23./24.3.2002

Von Christoph Kletzer

Louise Bourgeois, Destruction of the Father --Reconstruction of the Father.
Schriften und Interviews 1923-2000.
EURO 41,10/ 439 Seiten.
Ammann, Zürich 2001.
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