Zwischen Portal und Mauseloch am MQ

25. März 2002, 09:48
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Verbauen oder künstlerisch gestalten: Die Debatte, wie der Hintereingang ins Wiener Museumsquartier künftig aussehen soll, hält an.

Wien - "Wozu hat man dann diesen Wettbewerb abgehalten, wenn jetzt ein 08/15-Bau hierher soll?" Wolfgang Zinggl ist ratlos. Schließlich hat der Chef des "Depots" in der Breite Gasse das Loch ständig vor Augen: Es geht um eine Baulücke, die als Hintereingang zum Museumsquartier geschaffen wurde und die nun verbaut werden soll. Der Kulturtheoretiker und ORF-Kurator wundert sich über dieses Vorhaben.

Der Bauunternehmer Winfried Kallinger will an der Rückseite des Museumsquartiers (MQ) ein Gebäude errichtet, DER STANDARD berichtete. Es soll Wohn- und Bürozwecken dienen und sich über jenen Raum erstrecken, den derzeit das Bibelhaus, ein leeres Gebäude, und die Brache in der Breite Gasse einnehmen. Baubeginn, so Kallinger, soll noch heuer sein.

Die jungen Architekten des Teams "the next ENTERprise" gewannen allerdings im Vorjahr einen Ideenwettbewerb, den das Museumsquartier für diesen Platz ausgeschrieben hatte. Es sollte eine Nutzung des Terrains entwickelt werden, um die gewünschte Verbindung zwischen Museumsquartier und siebtem Bezirk zu unterstützen.

Schließlich hatte die Museumsquartiererrichtungsgesellschaft während der Bauarbeiten am MQ das - damals bebaute - Grundstück gekauft, um die Umklammerung des Museumsgeländes durch angrenzende Häuser zu durchbrechen: Das Gebäude wurde abgerissen, ein provisorischer Durchgang geschaffen.

Zahlen oder kassieren

Bloß: Zwischen dieser Idee und ihrer Realisierung klafft eine Lücke, die größer ist, als der Abstand zwischen den die Freifläche begrenzenden Hausmauern. Das Siegerprojekt (eine als Ausstellungsfläche benutzbare Schleife mit einer Aussichtsplattform in Dachhöhe) hätte rund 700.000 Euro gekostet. Der Verkauf des Platzes bringt Geld.

Wie viel genau will MQ-Geschäftsführer Wolfgang Waldner nicht verraten. Die spätere Verbauung des Geländes sei seinerzeit Bedingung für den Kauf der Liegenschaft gewesen, der Durchgang zum Quartier bleibe erhalten.

"Natürlich sähen wir gerne unser Projekt realisiert", erklärt dazu die Architektin Marie-Therese Harnoncourt, "aber ganz abgesehen davon ist es ein Wahnsinn, hier eine private Nutzung einer öffentlichen vorzuziehen - egal, was da hinkommt." Durch die MQ-Führung sei ihr aber Anfang März "unmissverständlich" zu verstehen gegeben worden, dass das Büroprojekt realisiert werde. Und auch Neubaus Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger (Grüne) bedauert. Er sehe wenig Chancen, die Verbauung zu verhindern: "Es sieht schlecht aus."

Blimlinger könnte die Flinte zu früh ins Korn werfen: Zwar erklärt MQ-Chef Waldner, dass die Verträge zum Grundverkauf unterschriftsreif sind, doch seitens der Stadt Wien dürfte man nun die Notbremse ziehen: "Mir wäre am liebsten, es bleibt wie es ist", erklärt Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SP).

Auch wenn der Entwurf des Architekten Karl Pruscha für das Kallinger-Projekt eine vier Meter hohe Passage ins MQ vorsehe, sei das "Zubauen schwierig, denn da verschwindet die Öffnung in der Straßenfront".

Was auch Grünen-Klubchef Christoph Chorherr unterstreicht: "Aus der Fußgängerperspektive bleibt auch beim Pruscha-Entwurf die Sichtbarkeit des Quartiers gewährleistet. Andererseits stellt sich die Frage, ob hier eine geschlossene Stadtkante wünschenswert ist."

Letztes Angebot

Bezirkschef Blimlinger will "mit dem Investor verhandeln, ob er bereit wäre, auf die Verbauung zu verzichten, wenn man ihm bei der Bauhöhe der beiden benachbarten Gebäude ein wenig entgegenkommt". Am 4. April findet im "Depot" in der Breite Gasse eine Dis- kussion zum Thema "Mause- loch oder Portal" statt. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.3.2002)

Dem Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker wäre es am liebsten, wenn alles so bleiben würde, wie es derzeit ist.
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