Nur noch ein Drittel Christen

24. März 2002, 23:43
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Siebzig Prozent der Österreicher sind der katholischen Kirche zuzurechnen, aber rund vierzig Prozent sind es nur formal

Für den derzeitigen Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Wien steht die Kirchenkrise außer Frage: "In einer Zeit, wo es unendlich turbulente Veränderungen in der Weltgesellschaft gibt, wäre es eine blanke Überraschung, wäre nicht auch die Institution Kirche in einer Übergangskrise."

Die selbst gemachte Krise mache nur einen Teil aus: "Das ist eine kulturbedingte Krise - unabhängig von den kirchlichen Unglücksfällen." Zu diesen Unglücksfällen zählt Zulehner spontan die Enttäuschung über Bischofsernennungen: "Die Namen sind bekannt, die Folgen auch. Es ist eine Zeit des Abwartens, bis zum Beispiel Erzbischof Eder oder andere Bischöfe einem Nachfolger Platz machen."

Weiterer Frust an der Basis: "Auch über all das, was rund um das Kirchenvolksbegehren begonnen hat, herrscht tiefe Enttäuschung, weil dieser Ereignisprotest ohne Strategie gegenüber einer Struktur, die auf Aussitzen gesetzt hat, von vornherein eine inszenierte Frustration sein musste. Aber der Preis war auch vorhersehbar hoch, dass nämlich ein großer Teil des Reformpotenzials in der katholischen Kirche zurzeit kapituliert hat."

Die derzeit geringe Dynamik in der katholischen Kirche schreibt Zulehner auch der "politischen Inszenierung der Polarisierung" zu, die zu einer Spaltung der Bischofskonferenz geführt habe: "Nach dem Konzil hatte man eine Bischofskonferenz, die vom Format und der Liberalität eines Kardinal König geprägt war. Genau in diese Bischofskonferenz hat man Antipoden hineingesetzt, die in ihrer persönlichen Grundhaltung weit weg sind von dieser postvatikanischen Liberalität. Kardinal Ratzinger hat immer behauptet, die Ernennung traditionsgebundener Bischöfe wäre geschehen, um das Gleichgewicht in den Bischofskonferenzen herzustellen. Aber Gleichgewicht kann - wenn man Plus und Minus abzählt - mathematisch auch ein Nullsummenspiel werden. Man hat eher den Eindruck, dass es zu einer Null geworden ist als zu einem produktiven Gleichgewicht."

Doch die größere Krise rührt für Zulehner von außen, von der Kulturrevolution der 68er her, die das sich selbst steuernde Ich zum Ideal hatte: "Die Kirche ist natürlich mit ihren Autoritäten und Normen in diese umfassende Krise fremdsteuernd wahrgenommener Institutionen gekommen. Es traf die Gewerkschaft, es traf die politischen Parteien, es traf auch die Institution Ehe." Die Folge, so Zulehner, war eine radikale Privatisierung auch der Religion: "Die Leute betrachten Religion als Stück ihres eigenen Lebenskunstwerks. Sie haben sich dazu entschieden, Religionskomponisten zu sein. Sie holen sich auf dem religiösen Markt eine Menge Bausteine, ein Stück bei der Esoterik, ein Stück bei den Buddhisten, ein Stück da und dort.

Die Bereitschaft, sich in das Glaubenspalais einer christlichen Kirche hineinzubegeben, ist in Österreich auf etwa 35 Prozent geschrumpft. "Wenn man fragt, wie viele Christen das Land hat, kommt man mit einem Drittel ganz gut hin."

Traditionelle Institutionen haben es gegenüber einem "Volk von Ichlingen", wie Zulehner es nennt, sehr schwer, vor allem die Kirche: "Sie gilt als vormodern, als fremdsteuernd, als Machtinstrument gegen Entscheidungsfreiheiten, als frauenfeindlich, als sexualneurotisch. Es gibt einen Gruselkatalog von Eigenschaften, die aus der Wahrnehmung vieler Menschen, die die Kirche gar nicht mehr von innen kennen, eine Distanz zur Kirche verursachen."
(DER STANDARD, Printausgabe, 25.3.2002)

Siebzig Prozent der Österreicher sind der katholischen Kirche zuzurechnen, aber rund vierzig Prozent sind es nur formal: ein Gespräch mit dem Pastoraltheologen und Werteforscher Paul M. Zulehner. Serienautor Heiner Boberski sprach mit ihm.
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