Die Effekte des geliehenen Anzugs

24. März 2002, 20:04
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Um Wissenlücken über Versicherungen und deren Schadensrückstellungen zu schließen, erzählt Buffett gerne erhellende Geschichten. In der Folge Buffett im O-Ton:
Zu geringe Schadensrück-stellungen sind bei Gesell-schaften, die ums Überleben kämpfen, üblich.

Denn Versicherungsbilanzierung ist eine Prüfung mit Selbstbenotung, indem der Versicherer dem Bilanzprüfer einige Zahlen übergibt und der darüber kaum diskutiert.

Der Prüfer kriegt allerdings einen Brief vom Management, der dazu dient, ihn zu entlasten, wenn die Zahlen später blöd ausschauen.

Eine Gesellschaft, die in finanziellen Schwierigkeiten steckt, die sie aus dem Geschäft werfen könnten, wird kaum hart benoten. Wer will schon sein eigenes Todesurteil schreiben?

Aber auch für Gesellschaften mit den besten Absichten ist es nicht leicht, die richtigen Reserven zu bilden. Ich erzähle da die Geschichte von dem Mann, der eine weite Reise unternahm und von der Schwester verständigt wurde, der Vater sei gestorben.

Er konnte nicht zurückkommen, erklärte sich aber bereit, die Bestattungskosten zu übernehmen. Nach der Rückkehr erhielt er vom Bestatter eine Rechnung über 4500 Dollar, die er prompt bezahlte.

Einen Monat später und auch im darauf folgenden Monat erhielt er eine Rechnung über zehn Dollar, die er wiederum zahlte. Nach der dritten Rechnung verlangte er von seiner Schwester eine Erklärung. Oh, meinte sie, das vergaß ich dir zu sagen. Wir haben Vater in einem geliehenen Anzug begraben.

In den Büchern der Versicherungen sind viele solche geliehene Anzüge begraben. Wenn der Schadenmanager zum Vorstand kommt und sagt: Raten Sie, was gerade passiert ist, dann weiß sein Chef als Alter Hase, dass er keine guten Neuigkeiten hören wird.

Überraschungen sind im Versicherungsgeschäft äußerst asymmetrisch in ihrem Effekt auf die Gewinne. (dol, Der Standard, Printausgabe, 25.03.02)

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