Grüne Regierungsbeteiligung: Kein Schreckgespenst

24. März 2002, 19:08
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von Conrad Seidl

Zu den Schlagzeilen, die Zeitungsmacher immer einmal zur Hand haben, gehörte lange Zeit der Satz "Grüne total zerstritten". Der Charme dieser Headline lag nicht nur in ihrer Kürze, sondern auch in ihrer Verlässlichkeit; sie hat die ersten zehn bis 15 Jahre des grünen Einigungs- und Parteiwerdungsprozesses gestimmt. Inzwischen ist der Satz völlig außer Gebrauch gekommen, wenigstens in Bezug auf die österreichische Grün-Partei.

Die Beobachtung zeigt, dass grüne Auseinandersetzungen zumindest so zivilisiert ausgetragen werden wie in anderen Parteien. Umfragen belegen, dass im Zweifelsfall eher die bedächtig wirkenden Aussagen des Parteichefs Alexander Van der Bellen wahrgenommen werden als allfällige Meinungsunterschiede: Die Grünen gelten als eine geschlossen auftretende Partei. Dass hier einmal "Fundis" mit "Realos" gestritten haben, das haben die meisten potenziellen Wähler längst vergessen.

27 Prozent der Befragten geben in der jüngsten STANDARD-Umfrage an, dass sie sich die Grünen unbedingt in der nächsten Bundesregierung wünschen - das sind immerhin fast viermal so viele, wie bei der letzten Nationalratswahl Grün gewählt haben. Umgekehrt: Etwa ebenso viele (31 Prozent) wollen die Grünen keinesfalls in der Regierung. Es sind ältere Befragte und besonders viele FPÖ-Wähler, die Grüne in der Regierung ablehnen.

Es ist diese Zielgruppe, für die die Idee einer rot-grünen Koalition noch zum Schreckgespenst aufgeblasen werden kann - eine Übung, der sich vor allem die ÖVP verschrieben hat, weil sie damit möglicherweise FPÖ-Wähler zurückgewinnen kann. Denn die FPÖ ist jene Partei, die am wenigsten Zustimmung und am meisten Ablehnung (immerhin 45 Prozent) erhält. Für viele hat sie die Rolle des Schreckgespenstes übernommen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 25.3.2002)
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