Roberto Maroni - Ein Alt-68er, der Berlusconi gute Dienste leistet

24. März 2002, 19:13
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Noch vor wenigen Jahren wäre Roberto Maroni selbst mit den Demonstranten marschiert. Heute ist er das Feindbild der Arbeiter. Der 47-Jährige, der in der trotzkistischen Kleinpartei Democrazia Proletaria erste politische Arbeit leistete, soll die Reform des Arbeitsrechts umsetzen, die Millionen von Italienern auf die Straße treibt.

Es war ein genialer Schachzug Berlusconis, ausgerechnet den früheren Linken ins Arbeitsministerium zu setzen und ihm den Auftrag zu erteilen, die Lockerung des Kündigungsschutzes durchzudrücken.

Roberto Maroni ist ein harter Knochen. "Hart, aber fair" beschreiben ihn die Gewerkschafter. Er führt keine Polemik um der Polemik willen. Als aufrechter Vertreter seiner Ideen hasst er es, wenn man ihm falsche Absichten unterstellt: Vor allem die linke CGIL interpretiere die Regierungsvorlage zur Lockerung des Kündigungsschutzes bewusst falsch, klagt Maroni. Kaum eine Kündigung stehe bevor, dafür würden Tausende zumindest zeitlich befristeter Arbeitsplätze entstehen. Und wenn ihm die Gewerkschaften mangelnden Dialog vorwerfen, kontert er, er sehe die Gewerkschafter öfter als seine Frau und die beiden Kinder.

Maronis politischer Aufstieg begann mit der Lega Nord. Ausgerechnet dorthin verschlug es den 68er-Linken. Maroni verkörpert den proletarischen Teil der Lega, schließlich hat diese auch in den Großfabriken der Mailänder Vorstädte eine große Wählerschaft. Umberto Bossi erkannte, dass Maroni der Partei wichtige Hilfe bieten konnte. Heute ist er die unumstrittene Nummer zwei der Lega, obwohl er seine oft abweichlerischen Ansichten offen vertritt: In der Einwanderungsfrage etwa fährt er den Hardlinern immer wieder über den Mund.

Mit der Lega zog der Jurist 1992 auch ins Parlament ein. In der ersten Berlusconi-Regierung wurde er Vizepremier und Innenminister. Er genießt das Vertrauen des Premiers. Wer ihm aber unterstellt, er sei ein Berlusconi-Vasall, dem sagt er, dass er mit Berlusconi nichts außer die Leidenschaft für den AC Milan gemeinsam habe.

In der Koalition verteidigt Maroni die Eigenständigkeit der Lega heftig. Und wenn er etwas verteidigt, dann wallt das Blut des ständig verschlagen und zugleich melancholisch Lächelnden plötzlich auf. Immerhin ist der heutige Arbeitsminister rechtskräftig verurteilt wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt: Als die Polizei die Lega-Zentrale in Mailand durchsuchte, wurde Maroni handgreiflich.

Immer wenn er aus Rom in seine Heimatstadt Varese fliehen kann, frönt er seiner wahren Liebe und greift zum Saxophon. In seiner Bluesband, einem Relikt aus alten Zeiten, soll sich der politische Gratwanderer derzeit am heimischsten fühlen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 25.3.2002)
von Andreas Feichter
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