Belgrad, literarisch

25. März 2002, 20:09
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Eine Kolumne zur Perisic-Affäre von Biljana Srbljanovic

Eines Morgens erwachte das ganze Land plötzlich mitten in einem Spionageroman. Es begann wie ein Drei-Groschen-Thriller im Stil von Robert Ludlum, dessen Hauptakteure ein General und ein ausländischer Diplomat sind; es gab alle Elemente der Massenunterhaltung - eine spektakuläre Verhaftung, die Ergreifung eines Spions "in flagranti", Geheimpolizei, noch geheimeres Kommando, ein politischer Skandal internationalen Ausmaßes. Für alle, die die Vorgänge auf dem Balkan nicht ständig verfolgen, hier kurz der Inhalt: Ein ehemaliger General der Milosevic-Armee, nach Meinung vieler ein Kandidat für das Haager Tribunal, im neuen System Vizevorsitzender der Serbischen Regierung, wurde, wie die Medien behaupten, ertappt, als er einem amerikanischen Diplomaten wichtige militärische Dokumente aushändigte, genauer, als er militärische Geheimnisse für Geld verkaufte.

Der General und der Diplomat wurden von einem militärischen Geheimdienst festgenommen, der ihnen undurchsichtige Tüten über den Kopf stülpte und sie fünfzehn Stunden festsetzte. Während dieser Zeit, und hier verbirgt sich Ludlumsche Unglaubwürdigkeit, bemerkte niemand, dass sie abwesend waren. Als der Sohn des Generals die Sache den Medien bekannt gab, kam es zum Krieg. Okay, kein richtiger Krieg, aber ein kleiner Medienkrieg.

Hier wird Ludlum zu einem Le Carré: Die amerikanische Botschaft leugnet jede Beteiligung, der verhaftete Vizevorsitzende tritt zurück, Djindjic' Leute verlangen den Rücktritt von Kostunica, Kostunicas Leute fordern den Rücktritt von Premier Djindjic . . . Kompliziert? Das ist ja auch die Idee dieses Abenteuers. Der "Leser" soll so verwirrt werden, dass er niemandem mehr glaubt, dass er an der Handlung herumrätselt, allein zu Hause den Spion entlarvt oder den Mechanismus der Arbeit der Geheimpolizei durchschaut. Mit einem Wort: dass er sein Gehirn beschäftigt.

Denn das unbeschäftigte Gehirn normaler Menschen kann ungehorsam sein. "Auf eigene Faust" nachdenken. Unangenehme Fragen stellen wie die: Was war mit der versprochenen Hilfe der Weltgemeinschaft für unser zerstörtes Land? Was geschieht mit dem Prozess in Haag, der immer mehr zur politischen Auseinandersetzung wird, statt Gerechtigkeit für die Kriegsopfer zu finden? Warum streiken die Eisenbahner und stehen die Züge im ganzen Land, warum wollen auch alle anderen streiken - Professoren, Ärzte, Besitzer von Haustieren? Warum will Jugoslawien wieder seinen Namen ändern und sich damit selbst auflösen, ohne dass man die Bewohner fragt, ob sie einverstanden sind?

Stattdessen denkt das Volk über Spione nach, über Geheimdienste und internationale Diplomatie. Das ist billiger als ein Kinobesuch, amüsanter als das Alltagsleben, leichter lösbar als die Planung des häuslichen Budgets. Hier wird die ganze Geschichte zu einem Roman von Thomas Pynchon - eine paranoide Verwicklung zum Thema Verschwörung, so kompliziert, dass keiner einen Ausweg finden kann.

Jedoch ein Detail, das die Medien nebenbei veröffentlichten, ist für mich wesentlich für die Entflechtung des Ganzen. Die Zeitungen behaupten nämlich, dass der General gefilmt wurde, als er "unter dem Gürtel eines Trainingsanzugs" (ein Euphemismus für Unterhosen) einige Disketten hervorzog, sie einem Ausländer übergab und dafür (nur) tausend Dollar in Empfang nahm. Als normaler Leser kann ich nur schreien: Wie das Versteck, so die Geheimnisse. Und wie der Preis, so das Land.

(DER STANDARD, Printausgabe, 25.3.2002)
Biljana Srbljanovic lebt als Dramatikerin und Schriftstellerin in Belgrad.
(Übersetzung a. d. Serbischen: Barbara Antkowiak)
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