Fragmente einer Sprache der Liebe

9. Juni 2002, 20:23
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Edith Clever inszeniert Becketts "Glückliche Tage" mit Jutta Lampe und Urs Hefti im Akademietheater

von Richard Reichensperger


Wien - Es gibt einen sprachlichen Ort, wo der/die Liebende spricht, angesichts eines - schweigenden - anderen: Diesen Ort entwirft Roland Barthes in Fragmente einer Sprache der Liebe als ein Hin-und Herlaufen ("Diskurs" als discurrare) zwischen Bruchstücken von Gefühlen und literarischen Traditionen: keine geschlossene Liebesgeschichte, und doch, ungeschlossen und unverfestigt, die wahre.

Auch Samuel Beckett liefert in Glückliche Tage die Schnipsel gewesener und vielleicht wieder einmal möglicher Liebe. Deshalb ein Paar in einem Alter, in dem sich Paare oft kaum noch etwas zu sagen haben: "Winnie, eine Frau um die fünfzig, und Willie, ein Mann um die sechzig". Im Grunde männliche Kommunikationsverweigerung, kombiniert mit weiblicher Hoffnung: "Es wird ein schöner Tag gewesen sein." Was ist ein schöner Tag?

Jutta Lampe und Urs Hefti werden im Bühnenbild Christoff Wiesingers im Akademietheater in eine Strandszenerie versetzt, die Frau bis zum Kopf eingegraben in einen hellen Sandberg, der Mann nur selten und stückweise - blutige Glatze im ersten, Zylinder im zweiten Akt - hinter einer Düne auftauchend. Zwischen beiden: Schweigen, über das der mächtige zweistündige Frauenmonolog Winnies hinwegschwappt. Über beiden optisch ein scharf hellblauer Himmel, über den Brechts Wolke der Liebenden hinwegzieht. Oder auch schon lange hinweggezogen ist. Die Akademietheater-Inszenierung Edith Clevers hält sich asketisch an die Vorgaben eines Autors, der offensichtlich Regisseuren nicht traute und es liebte, jede Bewegung, jedes Requisit vorzuschreiben. Es ist möglich, das so zu inszenieren. Es wären aber auch "schmutzigere" Möglichkeiten, zum Beispiel mit jungen oder verkommenen oder außenseiterischen Schauspielern denkbar (der Dreck des Alltags fehlte allerdings auch schon in der Festwochen-Inszenierung Luc Bondys von Warten auf Godot vor zwei Jahren).

Immerhin: In der autortreuen Kombination von vorgegebenen Bewegungen - eine Zahnpastatube aufschrauben, zuschrauben, Zähne putzen - kann sich die Präzision eines ins Detail hinein konstruierten Schauspiels entfalten. Insofern ein Paradestück für Jutta Lampe. Sie nützt dies. Ein Brillenetui hervorholend, banal eine Gebrauchsanleitung lesend.

Dazwischen, in die Leere des Lebens hinein, kurze Erinnerungen an Glück, die die Paar-Routine durchbrechen, jene Gewohnheitsprägung, die Beckett schon 1931 in seinem Proust-Essay als zentrale Erfahrung entwarf: "Atem ist Gewohnheit. Leben ist Gewohnheit. Gewohnheit ist der Ballast, der den Hund an seinen Auswurf kettet": In seinem Stück stellt Beckett drei Jahrzehnte später das Paar-Verhältnis als Abhängigkeitsverhältnis hin, wobei der Mann der Sklave ist (die Sado-Ader könnte Jutta Lampe ruhig noch mehr ausspielen, Urs Hefti jedenfalls kriecht am Ende im Frack devotest).

Jutta Lampe hat ihre besten Momente, wenn sie im Parlando-Ton Beckett ein wenig zu einer Paargeschichte von Botho Strauss hin verschiebt. Aber können Sie sich von Jutta Lampe gesprochen das Wort "Sau" vorstellen? - In Glückliche Tage kommt das einmal vor, auch "Barchborsten": Was ist ein Barch? - Urs Hefti aus seinem Graben: Kastrierter Eber. Das ist sehr komisch: wie das Leben, draußen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.03. 2002)

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