Zwischen Luxus und Schlichtheit

24. März 2002, 21:06
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Zum langen Start des "Osterklangs": Bachs "Matthäus-Passion" unter Harnoncourt

von Peter Vujica


Wien - Als umfänglicher Opener des diesjährigen Osterklang-Festivals ist eine Matthäus-Passion unter Nikolaus Harnoncourt durchaus der Applaus versprechende Event der Wahl. Als Werbeveranstaltung für Harnoncourts kürzlich mit dem Grammy prämierte CD-Einspielung dieses Werkes schien die Aufführung schon weniger geeignet.

Der Grund mag im Austausch der Instrumentalisten liegen. Die historisierende Farbigkeit des auf der CD hörbaren Concentus musicus war diesmal auf eine Viola da Gamba und zwei zart tönende Orgelpositive reduziert. Ansonsten herrschte in den beiden Formationen des zweigeteilten Ensembles philharmonischer Klangluxus voll souveräner, mitunter fast swingend eleganter Delikatesse.

So konnte Harnoncourt seine mit sensibel differenzierender Tempowahl und maßvoller Dynamik eher auf Schlichtheit abzielenden Intentionen in der Hauptsache nur in den Chorpassagen verwirklichen, deren Exaktheit im Fall des Schoenberg Chores der Einstudierung durch Erwin Ortner und in jenem der Wiener Sängerknaben Gerald Wirth zu danken ist. Denn auch innerhalb der insgesamt kompetenten Riege der Solisten herrschten stilistische Differenzen:

Marjana Lipovsek zum Beispiel verwandelte die ihr zugedachten Rezitative und Arien gleich einer Brangäne des Barock mit wachem Instinkt für die Großform in gewohnt betörend klingende Klangmonumente, an denen Herbert von Karajan seine helle Freude gehabt hätte. Elisabeth von Magnus hingegen spürt in ihren stilistisch nicht minder legitimen Interpretationen ihrer Altsoli den in den einzelnen Noten liegenden Affekten nach. Eine Lesart, der sich auch Adrian Eröd als sicherer Interpret des Bassparts anschloss.

Christoph Prégardien übte die zentrale Funktion des Evangelisten (wenn auch mit Mühen in den Höhen) gewohnt versiert aus, während Matthias Goerne seinen Jesus mit dem schätzenswerten Instrumentarium seiner Liedgestaltung ausgestattet hat.

Um den reichen Beifall brauchten sich auch die übrigen Solisten (Dorthea Röschmann, Maria Christina Kiehr, Kurt Azesberger, Markus Schäfer und Anton Scharinger) nicht zu sorgen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.03. 2002)

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