Weihrauch, Nebel und der Duft der Routine

26. März 2002, 14:50
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Applaus und Unmut für "Parsifal": Gemischte Reaktionen beim Auftakt der Salzburger Osterfestspiele

Applaus für Claudio Abbado bei der Eröffnung der Salzburger Osterfestspiele. Zahlreiche Unmutsäußerungen jedoch für Regisseur Peter Stein, der Wagners "Parsifal" weitestgehend ideenfrei nacherzählte.

von Ljubisa Tosic


Salzburg - Zu berichten ist zunächst vom Einzug der Wäscheleine in die Wagner-Welt - als Transportmittel: Im zweiten Akt behängt sie Klingsor mit dem Gralsspeer, der Parsifal zugedacht ist; er gleitet hinunter zum nicht mehr naiven Recken, bleibt über ihm allerdings nicht stehen, wackelt samt Leine und rutscht etwas zurück und kommt erst zur Ruhe, als Parsifal sich erbarmt und das kostbare Gerät von der (jetzt eindeutig) Wäscheleine herunternimmt.

Man möchte ob der Lächerlichkeit der Szene - durch unfreiwillig komische technische Umsetzung verstärkt - den Abend beenden. Gelacht hat man genug. Indes, es geht natürlich weiter, Klingsors Reich muss ja untergehen. Parsifal schwenkt also das Ding herum, und ja, welke Blätter plumpsen von oben herab auf den putzigen Irrgarten, in dem der Held zuvor keusch geblieben war.

Angesichts solch trostloser Ideen, wohl im Dienste der Entmystifizierung, darf man froh sein, dass Peter Stein, der sich Wagner nur deshalb widmet, da ihn Claudio Abbado darum gebeten hat, keine weiteren Ideen hatte - sein Unbehagen am Komponisten ist durch routinierte Unbeteiligtheit Szene geworden. Er buchstabiert die Erzählungen und Zeremonien und bleibt Personen-Arrangeur, der Excalibur-Charme versprüht.

Bei Klingsor (profund Eike Wilm Schulte) ist noch etwas Leben in der Figur. Auch bei Kundry: ein geschunden-zerzaustes Geschöpf, leidend vom Ohrläppchen bis zur kleinen Zehe, freilich wenig betörend als Verlockung. Immerhin verfügt Violeta Urmana über Innenspannung und dramatische Vokalkraft - Wortdeutlichkeit wäre dem Ganzen allerdings nicht abträglich gewesen.

Jener allerdings, auf den sie alle warten, ist ein kindlich-aggressiver Lackel, der zumeist in unbewegtem Staunen verharrt. Mit dem Bogen triezt er Kundry, würgt sie auch heftig; aber Thomas Moser (als Parsifal) bleibt doch eigentlich vokal nur im soliden Bereich (zum Schluss hin mit Kraftproblemen ringend) und wird nur in seiner bestenfalls im Repertoirealltag akzeptablen holzschnittartigen Präsenz auffällig. Womit er symbolhaft für Steins Desinteresse am Werk stehen darf.

Nur solide

Keine besonderen Vorkommnisse beim Rest des Ensembles: Albert Dohmen (als Amfortas), Markus Hollop (als Titurel) und Hans Tschammer (als Gurnemanz) wandern über solides Zeremonien- und Leidensgelände. Zunächst umgarnt sie ein angedeuteter Wald, dann ziehen sie ihre Kreise um einen riesigen Tisch, um den herum wiederum die bedürftigen Ritter in riesigen "Bücherregalen" strammstehen (Bühnenbild: Gianni Dessi) und müde werden. Einzig belebend das Licht- und Farbspiel (Lichtdesigner Joachim Barth): Zusammen mit reichlich Weihrauch und Trockeneisnebel versucht es zumindest atmosphärisch zu betören und den riesigen Raum zu nutzen.

Solche Farbspiele hätte man sich vor allem aber im Orchestergraben gewünscht - Claudio Abbados Umsetzung fehlt es jedoch zweifellos auch lange Zeit an Intensität. Sachlich fließen die Orchesterstrukturen dahin, gewinnen erst im dritten Akt Leichtigkeit und Gelöstheit.

Im Grunde lassen sie von Anbeginn an jenen gleißend-glitzernden Klang vermissen, aus dem die Spannung dieser Musik kommen müsste. Monochrom wabert es dahin, Klangschichten, die schillern sollen, hört man nicht; die Liniengeflechte wirken nur angedeutet. Ein wenig fad auf hohem Niveau, zuweilen derb. Und zum Schluss hin mit einem grellen Moment - als wär's von Mussorgski: ein Effekt, den man auch den eigens angefertigten Klangschalen/Glocken aus Aluminium zu danken hat. Kann man hier Klangabsicht unterstellen, ist der "Sound" des Tölzer Knabenchors im ersten Akt wohl auf Überforderung zurückzuführen.

Zu Beginn von Abbados Abschied von den Salzburger Osterfestspielen gab es dennoch Standing Ovations für den Dirigenten. Auffällig dezibelstark sagte das Publikum Peter Stein seine schlechte Meinung. Es war auch dem Auditorium zu viel von zu wenig.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.03. 2002)

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