Wirtschaftsprüfer zittern vor Risiken

24. März 2002, 19:11
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Enron-Affäre könnte weitreichende Folgen für Firmen und ihre Prüfer haben

"Nach der Enron-Geschichte ist das Verhältnis zwischen Risiko und Ertrag einer Wirtschaftsprüfung möglicherweise nicht mehr einschätzbar", sagt Peter Wyman, der Präsident des Institute of Chartered Accountants in England and Wales, dem britischen Branchenverband der Wirtschaftsprüfer. "Große Firmen werden weiterhin Prüfungen durchführen, aber es wird ganze Bereiche geben und auch Firmen, die keiner mehr anrührt."

Besonders virulent werde das Problem für große, innovative Konzerne wie Enron. "Solche Firmen werden für die Wirtschaftsprüfer zu einem hohen Risiko", so Wyman. In Großbritannien dränge man seit langem auf ein System der proportional verteilten Haftung, bei dem die Verantwortlichkeit der Wirtschaftsprüfer an das Ausmaß der von ihnen verschuldeten Fehler geknüpft wird. "Wirtschaftsprüfungsfirmen sehen sich Riesenklagen gegenüber, obwohl sie die Firmen, die sie prüfen, nicht führen", sagt Wyman.

Eine Überprüfung des Gesellschaftsrechts, die vom Handelsministerium unterstützt wurde, empfahl die Festsetzung einer fixen Haftungsobergrenze für die Prüfer. In der Standesvertretung der Rechtsberufe argumentierte man erfolgreich, dass die Einführung eines proportional aufgeteilten Haftungssystems zu kompliziert sei. Eine Haltung, in der man auch dadurch weitgehend bestärkt wurde, dass Prüfer, die Fälle mit hohen Risiken bearbeiten, nicht durch Versicherungen geschützt werden.

Die Befürchtungen des Institutes teilen Berufsvertreter. "Andersens Zusammenbruch als globales Unternehmen wird das Denken der vier großen Player in der Wirtschaftsprüferbranche grundlegend ändern bezüglich der Risiken, die sie bereit waren, auf sich zu nehmen", sagt Nick Land von Ernst & Young.

Eine Frage des Geldes

Roger Hughes von PricewaterhouseCoopers ist derselben Meinung. Angesichts der Tatsache, dass wichtige Wirtschaftsprüfungsunternehmen ihre Klienten bereits nach Risiko einstufen, meint Hughes: "Neu ist eigentlich nur, dass wir uns jetzt nicht ungern ins Gedächtnis rufen, warum wir das tun." Hughes bringt auch eine mögliche Verbindung von Risiko und Honoraren ins Spiel: "Zwar ist eine Änderung der Preispolitik derzeit nicht geplant, aber es sei die Frage, weshalb die Prüfungshonorare nicht an das Risiko gebunden sein sollten."

Wie man das Risiko bei heiklen Prüfungen vermindern könnte beschäftigte die Branche nach dem Enron-Skandal. Thema war aber auch, wie man "Politiker und Regulatoren davon abhält, Dummheiten zu machen", sagte Wyman. So wurde vorgeschlagen, dass Wirtschaftsprüfer einfach nur prüfen sollten. "In der Realität würde das aber die Kosten und den Zeitaufwand erhöhen." Und man würde eigene Firmen brauchen, um Rechtsaspekte unter die Lupe nehmen zu können.

Ein weiterer Vorschlag betrifft die obligatorische Rotation unter den Prüfern bestimmter Firmen - eine Regelung, die von EU-Kommissionspräsident Romano Prodi sehr befürwortet wird. Italien sei das einzige europäische Land, in dem es zu obligatorischen Wechseln komme, bemerkte Wyman. "In Großbritannien, Deutschland, den USA und Irland hat man sich den Vorschlag angeschaut und dann abgelehnt." Studien hätten ergeben, dass das größte Risiko eines Prüfungsfehlers in den ersten beiden Jahren nach Ernennung der Prüfer bestünde. Ein turnusmäßiger Wechsel wäre deshalb möglicherweise kontraproduktiv. (Standard-Mitarbeiter Alan George aus London, Der Standard, Printausgabe, 25.03.02)

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    Während Andersen-Mitarbeiter gegen das Strafverfahren gegen ihr Unternehmen protestieren, geht in der Prüfungsbranche die Angst vor unkontrollierbaren Risiken um.

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