Abfangjäger: Der "lästigste Luftraum in Europa"

24. März 2002, 13:53
39 Postings

Leiter der Raumüberwachung: Modernes Radar nur bei Ergänzung sinnvoll

Wien - "Wir sind sehr lästig. Wir sind der lästigste Luftraum in Europa", sagt Oberst Karl Gruber nicht ohne Stolz. Gruber ist Kommandant der militärischen Luftraumüberwachung (LRÜ), die rund um die Uhr den Himmel über Österreich beobachtet. Dank moderner technischer Ausstattung - Herzstück der LRÜ ist das Radarsystem "Goldhaube" mit drei fixen Stationen am Kolomannsberg, am Speikkogel sowie am Steinmandl - sei es möglich, fast jede Luftraumverletzung zu erkennen. Sinnvoll sei diese "passive" LRÜ aber nur durch eine "aktive" Ergänzung, plädierte Gruber bei einer Präsentation seines Systems am Freitag vor Journalisten für den Ankauf neuer Abfangjäger.

Aufgabe der Abfangjäger als "Luftpolizei" ist die Identifizierung von ohne Genehmigung über Österreich fliegenden Maschinen. Nur mit Radar sei dies nicht möglich. Die Abfangjäger müssten vielmehr bis auf Sichtweite - etwa 50 Meter - an die anderen Flugzeuge herankommen, um deren Kennnummern ablesen zu können. Diese Daten sind dann die Grundlage für diplomatischen Protest an die jeweilige Regierung.

Zwei bis drei Verletzungen im Monat

Derartige Proteste hätten auch durchaus Konsequenzen, wehrt Gruber die Darstellung ab, dabei handle es sich ohnehin um ein zahnloses Instrument: "Ich weiß, dass Piloten abgelöst wurden, die zum zweiten Mal eine Luftraumverletzung gemacht haben." Luftraumverletzungen seien etwa zwei oder drei Mal pro Monat zu beobachten, so der Oberst. Zum Vergleich: Täglich werden im Schnitt 80 bis 120 militärische Überflüge genehmigt.

Für die passive Luftraumüberwachung stehen neben den fixen Anlagen auch zwei mobile Radarstationen und sechs Tieffliegererfassungsradars zur Verfügung. "Das, was wir hier haben, ist führend in Europa. Wir haben zwar alte Abfangjäger, aber wir haben eine Einsatzzentrale, die europaweit ihresgleichen sucht."

Verwendet werden bei der militärischen LRÜ auch zivile Daten. Ersetzt werden könnte das militärischen Radar durch zivile Einrichtungen aber nicht. Denn nur mehr das Militär verfüge über so genanntes Primärradar, erläutert der Oberst. Für das zivile Sekundärradar sei ein Flugzeug aber nur dann sichtbar, wenn die Piloten ihren "Transponder" in Betrieb haben, der aktiv Signale aussendet.

"Einsatzzentrale Basisraum"

Die von den Radars gewonnenen Daten laufen in St. Johann im Pongau in der "Einsatzzentrale Basisraum" (EZ/B) zusammen. Dieser mehrere 100 Meter in den Berg gesprengte Bunker wurde Ende der siebziger Jahre errichtet und kann im Bedrohungsfall auch die Regierung aufnehmen. Die für die Abfangjäger-Nachbeschaffung nötige Öffentlichkeitsarbeit macht es möglich, dass seitens des Bundesheeres erstmals auch über diese Einrichtung offen gesprochen wird.

Gruber und Major Wolfgang Eggenreich, Leiter der LRÜ-Zentrale, räumen aber auch Schwachstellen der militärischen LRÜ ein. Mit den Draken könne nur bei Tageslicht geflogen werden. In der Nacht reduziere man daher auch die Besetzung im Bunker in St. Johann auf reine Beobachtungstätigkeit. Tagsüber hingegen ist man auch gerüstet, Draken-Einsätze zu koordinieren. Mit neuen Jets sollte sich dies ändern, hoffen die Offiziere. Eine Schwachstelle sei auch die im Kalten Krieg erfolgte Orientierung der LRÜ Richtung Osten. In Westösterreich behelfe man sich derzeit mit mobilen Radarstationen. Geplant ist zudem die Anschaffung eines Radars mit größerer Reichweite für den Kolomannsberg. (APA)

Share if you care.