Schmerzlinderung als oberstes Prinzip

25. März 2002, 19:42
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Experten sehen Papstvorstoß nicht als Ja zu aktiver Sterbehilfe

Wien - Der jüngste Vorstoß von Papst Johannes Paul II. gegen Lebensverlängerung für Sterbenskranke sorgt unter Ethikern und Praktikern für Diskussionen. Der Wiener Philosoph Peter Kampits findet die Initiative gegen die "therapeutische Verbissenheit" (DER STANDARD berichtete) "neu und doch nicht neu". Schon Pius XII. habe in einer Enzyklika den Verzicht auf außerordentliche Maßnahmen als mit der christlichen Ethik vereinbar deklariert.

Aber das jetzige Kirchenoberhaupt habe da "immer eine etwas härtere Linie verfolgt" und etwa bei einem Wien-Besuch gemeint, dem Menschen sei ein gewisses Maß an Leiden durchaus zumutbar. Für die Person des Papstes sei die Erklärung eine Veränderung. "Im Insgesamt der Kirche ist die Position aber nicht total neu", so Kampits, seinerseits frisch gebackener Leiter des Instituts "Wissenschaft und Ethik im Dialog" von Uni und Stadt Wien.

"Nicht verlängern"

Für die Aussage mit dem zumutbaren Leiden sei der Papst schon genug kritisiert worden, meint Franz Zdrahal, Leiter des mobilen Caritas-Hospizes, der nun keinen Schwenk der Amtskirche sieht. Schon bisher sei Schmerzlinderung "oberstes Prinzip" kirchlicher Schreiben gewesen, aber auch der Weltgesundheitsorganisation. Deren Dokument zu "palliative care" schreibe fest, dass das Leben des Kranken gegen dessen Willen "nicht verkürzt - eh klar -, aber auch nicht verlängert werden soll".

Doch um dem obersten Prinzip der Linderung zum Durchbruch zu verhelfen, müssten "die in Gesundheitsberufen Tätigen auf den Stand von heute" gebracht werden. Zdrahal will daher Ängste vor moderner Schmerz- und Symptomkontrolle mit Cannabinoiden nehmen. "Wir müssen erreichen, dass diese Mittel von der Krankenkasse zugelassen werden."

Die Gesprächspartner sehen in den Papstworten keine Zustimmung zur "aktiven Sterbehilfe". Zur passiven gebe es aber "eine irre Grauzone", weiß Kampits. "Für diese Grauzone bedeutet die Erklärung wahrscheinlich, dass man mit aktiven Formen toleranter umgehen wird." (Roland Schönbauer, Der Standard, Printausgabe, 26.03.02)

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