Schwere Geschütze im Pariser Zeitungskrieg

24. März 2002, 10:46
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Gewerkschaften werfen Gratisblätter in die Seine - Kaufzeitungen wettern gegen "Totengräber der Information"

Wütende Gewerkschafter gegen flinke Zeitungsverteiler - an den Pariser Bahnhöfen und Metro-Stationen tobt allmorgendlich ein erbitterter Kleinkrieg. Gestritten wird um die Neulinge "Metro" und "20 minutes" - die kostenlosen Tageszeitungen überschwemmen seit einigen Wochen Paris. Sobald der Lieferwagen vorfährt, schnappen sich die Austräger die druckfrischen Zeitungspacken und beginnen so schnell wie möglich mit dem Verteilen. Dann stürzen Gewerkschafter hervor, entreißen ihnen die Zeitungen und werfen sie auf den Asphalt. Der Zeitungskrieg ist im vollen Gange, die Verhandlungen zu einer gütlichen Einigung kommen nur schleppend voran.

Verlust von Werbeeinnahmen befürchtet

Die Gratisblätter erregen den Zorn der mächtigen Gewerkschaft Livre CGT, die ihre Besitzstände in Druck und Vertrieb verbissen verteidigt. Aber auch die etablierten Tageszeitungen schlagen Alarm, denn sie fürchten Verluste bei den Werbeeinnahmen. Seit Mitte Februar bringt das schwedischen Unternehmen Metro International täglich 200.000 "Metro"-Exemplare in Paris heraus, seit einigen Tagen ist auch der norwegische Konkurrent Schibsted mit seiner Gratiszeitung "20 minutes" mit von der Partie - jenem Blatt, das vor gut zwei Jahren den Zeitungskrieg in Köln entfachte.

Nicht klein beigeben

Livre CGT, die der Kommunistischen Partei nahesteht, schickt allmorgendlich mehrere hundert Gewerkschafter in den Kampf. Ein Trupp versenkte mehrere tausend "Metro"-Ausgaben in der Seine, eine Ladung mit 200.000 Zeitungen wurde auf die Hauptverkehrsachse an der Börse auf die Straße gekippt. Die Gewerkschaft verlangt, dass die kostenlosen Neulinge auf dem Pariser Pressemarkt nach den Regeln der Branche gedruckt und vertrieben werden. Um keinen Preis wollen sie in ihrem Herrschaftsbereich einem Billig-Anbieter das Feld räumen.

"Tödliches Risiko" für die Pressefreiheit

Die Pariser Tagespresse kommentiert das Erscheinen der Dumping-Konkurrenz mit Abscheu. Ein "tödliches Risiko" für die Pressevielfalt fürchtet "La Croix". Die Zeitung "Le Monde" wirft der Gratispresse "wirtschaftliches und soziales Dumping" vor. Seit dem 19. Jahrhundert lebten die Zeitungen von der Werbung und vom Verkauf. "Wer die Einnahmen aus dem Verkauf streicht, betätigt sich als Totengräber der Information." Die Kaufzeitungen verweisen darauf, dass die Konkurrenz von Gratiszeitungen zu Auflageverlusten zwischen fünf und sieben Prozent führe.

Metro sei "Zusatzangebot"

Die Verleger der Gratiszeitungen beteuern indes, sie hätten es mit ihren farbigen Blättern und knappen Nachrichten-Texten auf eine ganz andere, neue Zielgruppe abgesehen. "Die 15- bis 35-Jährigen, die nicht lesen, und Frauen, die keine Zeit haben" seien seine Kunden, sagt "Metro"-Chef Pelle Tornberg. Auf die heftigen Anfeindungen gegen seine Zeitung, die bereits in 20 Städten in 14 Ländern erscheint und geschätzte 6,6 Millionen Leser erreicht, reagiert er mit einer Art Umarmungsstrategie. Geduldig wird mit den Gewerkschaften verhandelt. "Metro" sei nichts anderes als ein Zusatzangebot, versichert Tornberg.

Wollen Sie mehr wissen?

In einer ihrer Ausgaben macht die Gratiszeitung sogar Werbung für die etablierten Blätter: "Metro ist ein kurzes, neutrales Resümee der Ereignisse der vergangenen 24 Stunden. Wollen sie mehr wissen?" Für diesen Fall wird dann der Kauf der großen Pariser Tageszeitungen empfohlen.

Wie der Zeitungskrieg in Frankreich ausgehen wird, ist derzeit völlig offen. In Köln hatte Schibsted Ende 1999 eine Krafprobe mit den deutschen Verlagen DuMont Schauberg und Axel Springer provoziert, die ihrerseits Gratisblätter auf den Kölner Markt warfen (etat.at berichtete). Die Auseinandersetzung ging im vergangenen Sommer mit Millionenverlusten auf allen Seiten und dem Einstellen jeglicher Gratiszeitungen zu Ende. (APA/AFP)

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