Slowenien - voran in der Befreiungsfront

20. Oktober 2003, 12:35
posten

Das Königreich Jugoslawien gönnte den Slowenen wenig Eigenleben. Hitler und Mussolini wollten sie dann auslöschen. Ihr Widerstand brachte die Wiedergeburt.

Slowenen und Kroaten hatten bei der Vereinigung zum SHS-Staat auf föderale Lösungen gehofft, aber der serbische König und sein Regime setzten auf Zentralismus. Als zahlenmäßig stärkstes Volk glaubten die Serben, durch einen "Jugoslawismus" die durch Geschichte, Kultur und Religion geschaffenen Trennlinien überwinden zu können; die verschiedenen Völker sollten zu einer jugoslawischen Nation verschmelzen.

Die Slowenen als kleines Volk, dem schon durch die Italien begünstigenden Friedensverträge eine Lehre erteilt worden war, sahen sich mit den Serben im Rücken gegen Ansprüche Italiens oder auch Österreichs gesichert. Anders als in Kroatien, wo die Bauernpartei auf Konfrontationskurs ging und später, wie auch in Mazedonien, rechtsradikaler Terrorismus Platz griff, blieben Slowenien tiefergehende Konflikte mit Belgrad erspart. Dazu mochte beitragen, dass sich Slowenisch klar von Serbokroatisch unterscheidet, das Sprachgebiet deutlich umgrenzt ist, und dass die Bildungsexplosion der Franz-Joseph-Ära nun in mannigfacher Weise - nicht zuletzt in einer eigenen Universität, einer Akademie der Wissenschaften, einem Nationaltheater - richtig zum Tragen kommen konnte.

Die führende Partei in Slowenien war die konservativ-klerikale Slowenische Volkspartei. Ihr Führer Anton Korosec war, obwohl über die kulturelle auch die politische Autonomie zu erreichen sein Ziel war, ein kompromissbereiter Politiker; als einziger Nichtserbe war er eine Zeit lang sogar jugoslawischer Ministerpräsident. Politischer Widerpart der Volkspartei waren die sich auf Bürgertum und Kapital stützenden Liberalen. Die (meist illegalen) Kommunisten spielten kaum eine Rolle.

Als König Alexander 1929 das Parlament auflöste, alle Parteien verbot, die Zensur einführte und die lokalen Verwaltungen den Zentralbehörden unterstellte, wurde auch das Land in nach Flüssen benannten Banschaften (banovine) eingeteilt, die keine Rücksicht auf historische oder ethnische Grenzen nahmen. Einzig den Slowenen sicherte die Geografie in der Drau-Banschaft weiter ihr geschlossenes Siedlungsgebiet.

Am 6. April 1941 überfielen die Truppen Hitlers Jugoslawien, nachdem ein Putsch serbischer Offiziere in Belgrad den Beitritt ihres Landes zum Dreimächtepakt rückgängig gemacht hatte. Schon am 17. April wurde die Kapitulation der jugoslawischen Armee unterzeichnet. Deutschland und Italien gingen sofort an die Zerschlagung Jugoslawiens. Kroatien (mit Bosnien) wurde ein Satellitenstaat der Achse mit dem Führer der faschistischen Ustascha an der Spitze, Serbien erhielt ein deutsches Besatzungsregime, der Großteil Mazedoniens wurde von Bulgarien besetzt, der Rest mit dem Kosovo fiel an das italienische Albanien, ebenso Teile Dalmatiens, und die Baranja und Batschka (westliche Vojvodina) an Ungarn.

Slowenien sollte nach dem Plan der Sieger völlig ausgelöscht werden. Italien nahm sich zu den bereits 1919 annektierten Gebieten den Südteil von Krain und gliederte sich ihn als "Provincia di Lubiana" an. Der Norden Sloweniens wurde deutsch: Der Reichsgau Steiermark erhielt die alten historischen Grenzen aus der Zeit der Habsburger wieder, unter die Verwaltung des Kärntner Gauleiters kam neben dem Mießtal auch Oberkrain (Gorenjska).

Ungarn annektierte das Gebietsdreieck Medimurje und Prekmurje an der Nordostgrenze. Die Slowenen waren die Ersten, die - noch im April - sich zum Widerstand formierten. Unter den Augen der italienischen Besatzer gründeten sie am 26. April in Ljubljana die "Antiimperialistische Front" (PF); in ihr waren Nationaldemokraten, Christlichsoziale und Kommunisten vereint.

Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion gründeten die jugoslawische KP die "Befreiungsfront" (OF), riefen zum bewaffneten Kampf gegen Okkupanten und Kollaborateure auf und begannen in Westserbien ihren Partisanenkrieg. Führer der OF war Josip Broz, genannt Tito (1892-1980), Sohn einer Slowenin und eines Kroaten, der als k.u.k. Soldat in russische Gefangenschaft geraten war, sich den Bolschewiken anschloss, unter der Königsdiktatur eingekerkert und 1937 von der Komintern zum Generalsekretär der jugoslawischen KP ernannt wurde.

Auch die slowenischen Widerstandsgruppen schlossen sich der OF an; diese geriet rasch unter kommunistische Führung. In Slowenien waren dies der Lehrer Edvard Kardelj, der Gewerkschafter Frank Leskosek und der Arzt Boris Kidric. Im deutschen Okkupationsgebiet wurde mit brutaler Härte Germanisierungspolitik betrieben. Lager und Gefängnisse füllten sich mit "verdächtigen" Slowenen. "Unerwünschte" Elemente wurden nach Deutschland deportiert oder auch nach Kroatien abgeschoben; viele andere flüchteten unter das mildere Regime der italienischen Zone.

In der Provincia di Lubiana war es zur Zusammenarbeit einzelner Politiker mit den Okkupanten, unter Patronanz des Laibacher Bischofs Gregorij Rozman, gekommen. Als die Überfälle der Kommunisten begannen, stellte der vormalige Banus der Banschaft Drau, Marko Natlacen, sogar eine "slowenische Legion" auf, die die sich an deren Bekämpfung durch die Italiener beteiligten. Wie in allen Regionen Jugoslawiens wütete auch hier neben dem Befreiungskampf gegen die Besatzer ein Bürgerkrieg.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 3. 2002)

Share if you care.