Das Leitmotiv heißt Terror

23. März 2002, 18:42
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Bücher zum 11. September 2001 und zur menschlichen Grausamkeit im allgemeinen - von Arno Gruen bis Strobe Talbott

Mehr als ein halbes Jahr ist es her, seit die Flugzeuge in die Zwillingstürme des WTC rasten und so auf brutale Weise das politische Leitmotiv des Dezenniums festgelegt haben: den Terrorismus. Auch auf dem Buchmarkt findet das Thema unablässig seinen Niederschlag, wobei die Anzahl jener Werke zunimmt, die die Ereignisse des 11. September in einen größeren Zusammenhang stellen und versuchen, das Netz der Interpretationsparameter weiter zu ziehen.

Strobe Talbott, von 1993 bis 2001 stellvertretender Außenminister unter Bill Clinton und jetzt Leiter des Yale Center for the Study of Globalisation, hat für den Band Das Zeitalter des Terrors eine Reihe illustrer Mitarbeiter eingeladen. Da finden sich die obligaten Artikel zum "islamischen Extremismus" (Abbas Amanat, Charles Hill) oder ein Beitrag des Historikers Paul Kennedy, der sein Leib- und Magenthema - die Gezeiten der amerikanischen Machtentfaltung - behandelt. Ein Highlight des Bandes sind die Ausführungen von Niall Ferguson, Professor für Politik- und Finanzgeschichte in Oxford, der darauf hinweist, dass ein "Zusammenprall von Zivilisationen" mitnichten ein historisches Novum sei und die große Ironie der gegenwärtigen historischen Lage darin bestehe, dass die wirtschaftliche Globalisierung mit einer politischen "Deglobalisierung" Hand in Hand gehe.

Fergusons Therapie: Eine Dosis von "informellem amerikanischem Imperialismus", wie er ohnehin schon seit Jahrzehnten im Schwange sei, würde einer von Schurkenstaaten heimgesuchten Welt durchaus gut tun - doch zeige etwa der mickrige Beitrag, den die USA für Entwicklungshilfe ausgeben (0,1 Prozent des BIP) "Anzeichen einer tief verwurzelten Engstirnigkeit, die das genaue Gegenteil dessen ist, was die Welt von ihrer reichsten Macht braucht".

Eine exzellente Zusammenstellung der ersten publizistischen Reaktionen auf 9/11 vermittelt der von Hilmar Hoffmann und Wilfried F. Schoeller herausgegebene Sammelband Wendepunkt 11. September 2001. Die Beiträge von Jean Baudrillard, Norman Birnbaum, Hans Magnus Enzensberger oder Slavoj Zizek lohnen eine zweite Lektüre, und zudem bietet der Band eine Reihe von Originalbeiträgen aus zwei Symposien - RömerbergGespräche und Goethe-Forum - aus dem vergangenen Spätherbst.

Der Psychoanalytiker Arno Gruen stellt seine menschenfreundlichen Betrachtungen über politische Gewalt in einer menschenfeindlich verfassten Welt unter den Titel Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror. Gruen examiniert in diesem Bändchen ausführlich den Typus des rechtsradikalen und weniger ausführlich jenen des linksradikalen Gewalttäters. Im einen wie im anderen Fall manifestiert sich für Gruen im destruktiven Akt nicht etwa ein "Todestrieb", wie ihn Freud angenommen hat, sondern eine Weigerung, sich der eigenen Menschlichkeit mit all ihren schwierigen Aspekten zu stellen.

Befördert wird die Flucht in die Gewalt für Gruen durch den Konformismus einer Gesellschaft, die Geld und Erfolg über alles stellt. Während Gruens Analyse des rechtsradikalen Denkens und Fühlens zum besten gehört, was es zu diesem Thema gibt, erscheint seine knappe Ferndiagnose dessen, was in einer Figur wie Osama Bin Laden vor sich gehen dürfte, nicht unproblematisch. Als eine Ermunterung zur unangepassten Denk- und Lebensart ist das Buch jedenfalls zu empfehlen.

Der amerikanische Militärhistoriker Caleb Carr verficht in seinem Opus Terrorismus - Die sinnlose Gewalt eine doppelte These: Dass Krieg gegen Zivilisten - und das ist im wesentlichne Carrs Definition von Terror - historisch schon immer ein Kriegsmittel gewesen sei - und dass sich Terror immer auch als kontraproduktiv für die Ziele dessen erwiesen habe, der ihn ausübt. Auf Basis dieser zwei Annahmen vollführt Carr eine geschichtliche Tour de Force, die von den Römern bis herauf zu den Terrorakten gegen die USA reicht.

Dabei treibt Carr die Lapidarität in einigen Fällen entschieden zu weit, wenn etwa das römische Imperium auf gerade einmal 11 (!) Seiten durchgehechelt wird. Dennoch hat das Buch aufs Ganze gesehen eine Reihe interessanter Aspekte, vor allem wenn sich Carr den Widersprüchen widmet, die die amerikanischen Regierungen der letzten Jahrzehnte im Kampf gegen den Terror an den Tag gelegt haben. Carr geht vor allem mit der CIA, aber auch mit Ronald Reagans Verteidigungsminister Caspar Weinberger scharf ins Gericht. Die nach Weinberger benannte "Doktrin" habe dazu geführt, dass die Armee in Friedenszeiten absurd überhöhte Etats zugeteilt bekommen habe, anstatt diese Gelder für eine aktive Verteidigung amerikanischer Interessen zu verwenden.

Die aufregendste Neuerscheinung zum Thema Terror ist für den Rezensenten das zu Recht in düsterstes Schwarz eingebundene neue Buch von Wolfgang Sofsky, Zeiten des Schreckens. Amok. Terror. Krieg: Zur entspannten Lektüre am Feierabend ist das Werk in der Tat denkbar ungeeignet. Der deutsche Publizist und Soziologe, der sich 1993 durch ein Buch über die Ordnung der Konzentrationslager einen Namen gemacht hat, examiniert eine Fülle von Erscheinungsformen menschlicher Gewalttätigkeit: Amokläufe, Todesmärsche, Razzien, Attentate, Belagerungen und so weiter und so fort. Indem Sofksy die Innenschau von Opfern und Tätern nachvollzieht, gelingt es ihm, in diesem Bereich schwer durchdringlicher Finsternis hochinteressante Differenzierungen vorzunehmen und so etwas wie eine "Soziologie der Gewalt" zu entwickeln. Dabei räumt Sofsky mit vielen Gemeinplätzen auf, wie etwa dem, dass Gewalt irrational sei. "Menschliche Greuel schließen Planung und Rationalität keineswegs aus", aber genauso sei es auch irreführend, das Konzept der Bürokratie auf Prozesse kollektiver Gewalt zu übertragen.

Sofskys Pessimismus, der die Möglichkeit einer zivilisatorischen Bändigung destruktiver menschlicher Impulse für eine glatte Chimäre hält - der Nationalstaat, meint er zum Beispiel, kann Gewalt nur eindämmen, indem er selbst wieder Gewalt erzeugt -, mag machen Optimisten zum Widerspruch reizen. Die Beweislast hat freilich der Optimist nach allen Ungeheuerlichkeiten gerade der jüngeren Geschichte gegen sich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 3. 2002)

Von Christoph Winder

Hilmar Hoffmann, Wilfried Schoeller (Hg.): Wendepunkt 11. September 2001. Terror, Islam und Demokratie. EURO 17,90/312 Seiten. DuMont Verlag, Köln 2001.

Arno Gruen: Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror. EURO 15,-/190 Seiten. Klett Cotta, Stuttgart 2002

Strobe Talbott, Nayan Chanda: Das Zeitalter des Terrors. EURO18,-/206 Seiten. Propyläen Verlag München Berlin 2002

Wolfgang Sofsky: Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg. EURO 19,90/252 Seiten. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002.

Caleb Carr: Terrorismus, die sinnlose Gewalt. Historische Wurzeln und Möglichkeiten der Bekämpfung. EURO 14,50/240 Seiten. Heyne, München 2002.

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