Der Todeszug

23. März 2002, 18:08
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Wie Gegner des Naziregimes nach dem 13. März 1938 an der tschechischen Grenze keinen Einlass fanden

Heute weiß man, dass es um die Liberalität und Toleranz in der Masaryk-Republik nicht immer zum Besten stand. Liest man allein die Worte des Masaryk-Sohnes Jan aus dem Jahre 1943, als er, das Mitglied der tschechoslowakischen Exilregierung in London, anlässlich des jüdischen Neujahrstages über die Situation des europäischen Judentums sprach, da konnte er nicht umhin, Folgendes zu sagen: "Es ist schon richtig, dass sich einige Juden nicht gut benommen haben. Sie besuchten die Prager Kaffeehäuser und deutschtümelten dort auch noch nach 1933 (...) aber wir kannten auch viele sehr ordentliche, genügsame Juden, Legionäre und Anhänger von Sokol (einem tschechischen Sportverein), und die gehörten zu uns wie die unseren."

Die Erste Tschechoslowakische Republik nahm aber auch die nach 1933 Geächteten und Verfolgten wie Thomas Mann (der sogar eingebürgert wurde), Ernst Bloch, John Heartfield oder Theodor Heine auf. Nach 1934 kamen dann die in Österreich Geächteten hinzu. Oskar Kokoschka, der Arbeiterführer Otto Bauer und der Arbeiterdichter Josef Luitpold Stern. Die Sozialistische Partei Österreichs errichtete ihr Büro in Brünn. Das Organ Arbeiterzeitung wurde hier gedruckt. Es war gewiss eine mutige Geste, den entrechteten Nachbarn Asyl und auch Betätigung zu gewähren. Als jedoch österreichische Sozialisten und prominente jüdische Persönlichkeiten bereits im März 1938 um ihr Leben bangen mussten, da stellte sich die junge Tschechoslowakei taub.

"Lieber Hitler als Habsburg" proklamierte noch 1937 Staatspräsident Edvard Benes. Hatte die militärisch gut gewappnete Tschechoslowakei die Hitler-Truppen zu fürchten? Während des "Einmarsches" in Österreich konsultierte bekanntlich der deutsche Gesandte in Prag, Eisenlohr, die tschechoslowakische Regierung, ob sie denn nun mobil mache.

Der nahe gelegene Fluchtweg führte in die Tschechoslowakei. So war der am 11. März 1938, gerade zur Stunde des Umbruchs, nämlich um 23.15 Uhr abfahrende Zug nach Prag zum Bersten voll. Der bekannte englische Journalist George E. Gedye erinnert sich in seinem Buch Als die Bastionen fielen: "Alle Landstraßen, die zur Grenze führten, waren von Taxis und Privatautos der Flüchtlinge verstopft. Auf dem Flughafen ebenso wie auf den Bahnhöfen drängte sich ein buntes Gemisch von Fürsten, Bauern und armen Leuten, von weltbekannten Bankiers und unbekannten Proletariern, Juden aus höchsten wie aus den niedersten Kreisen, Offizieren des Bundesheeres, von Polizeibeamten und jenen Kommunisten und Sozialisten, die sie verhaftet und bestraft hatten; katholische Priester, Staatsbeamte und Journalisten - sie alle suchten verzweifelt, auf dem abfahrenden Zug einen Platz zu erobern." Mit Verspätung fuhr der Zug ab, nicht ohne dass vorher die Insassen von SA-Männern gequält und bestohlen worden waren.

Der Zug hielt dann auf offener Strecke, wurde nochmals nach Wien zurückgeschickt, abermals fielen Siegestrunkene mit Nazibinden über die Flüchtlinge her. Dann erst konnte der Zug endgültig seine Fahrt ins Nachbarland antreten. Die österreichische Zoll- und Passkontrolle trug freilich auch schon die Hakenkreuzbinden - man ließ den Zug passieren. Endlich ist der rettende Boden der Tschechoslowakischen Republik, der Boden eines freien Landes erreicht - da dröhnt eine Stimme durch den Zug:

"Alle Personen mit österreichischen Pässen haben auszusteigen und sich in den Wartesaal zu begeben." Nachdem diese Unglückspässe durch die tschechische Polizei den Inhabern abgenommen waren, ertönte abermals dieselbe Stimme: "Ich habe eben vom (tschechischen) Innenministerium die Weisung erhalten, dass alle Österreicher ohne Ausnahme bei der Grenze zurückzuweisen sind. Sie müssen alle hier warten und mit dem nächsten Zug zurückfahren."

Erna Sailer, die Frau des Vorsitzenden der Revolutionären Sozialisten, Karl Hans Sailer, kann die Schreckensszenen nicht vergessen. Heute noch erschüttern sie die weinenden Menschen und die Schreie, welche durch die mit den mehr als zweihundert Flüchtlingen voll gepferchten Wartesäle des Breclaver Bahnhofes gellten. Ein Einziger, erinnert sich die rüstige alte Dame, konnte sich retten: "Alle wurden mit ihren Namen aufgerufen, alle wurden gezwungen, den für manche todbringenden Zug nach Wien zu besteigen. Nur ein Mensch, ein einziger Name, Kurt Neumann, unzählige Male aufgerufen, meldete sich nicht. Ihm, nur ihm, dem jungen Kommunisten, war die Flucht aus dem Stationsgebäude geglückt." Es bestiegen den Zug der aus Brünn stammende berühmte Kabarettist Fritz Grünbaum, der hohe Wiener Polizeibeamte Ludwig Weiser - er war wenige Stunden zuvor noch ein mächtiger Mann gewesen -, die Kaufmannsfamilie Krupnik, der ehemalige Stadtrat Robert Danneberg mit seinen Kindern, der Journalist und Feuilletonist Richard Bermann alias Arnold Höllriegl und eben das Ehepaar Sailer. "Wir wurden äußerst unsanft behandelt", schildert Richard Bermann, "als ob wir für die Naziverbrechen verantwortlich wären. Wir protestierten; wir baten. Nichts half. Wir wurden unter der Androhung von Gewalt in einen großen Wartesaal getrieben."

Erna und Karl Hans Sailer - er war von der Sozialistischen Partei beauftragt worden, in letzter Minute mit der Schuschnigg-Regierung zu verhandeln - sprangen aus dem zurück fahrenden Zug kurz vor der Wiener Stadtgrenze ab. Ihnen gelang einige Tage später die Flucht nach Paris. Robert Danneberg wird in Wien inhaftiert, sein durch die Fluchtstrapazen gezeichnetes, müdes Porträt affichieren die siegeshungrigen Nazis auf den Straßen Wiens. Er soll die Freiheit nie mehr erlangen. Mit dem ersten Deportationszug, der von Wien nach Dachau führt ist er dabei, ermordet wird er 1942 in Auschwitz. Das Schicksal Ludwig Weisers war ähnlich. Fritz Grünbaum kommt ebenfalls nach Dachau, wo er 1941 umkommt.

Die Weisung des tschechischen Innenministers Josef Cerny zeigte Wirkung. Die Tageszeitung Venkov vom 13. März 1938 titelte: "Ruhe an unseren Grenzen - Gestern wurden 200 Flüchtlinge zurückgeschickt - vergangene Nacht nur mehr 40". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 3. 2002)

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