Lautloser Tod

23. März 2002, 16:57
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Drei "New York Times"-Journalisten recherchierten die Geschichte der modernen Biowaffen

Ein Gegenmittel gegen das Botulinum-Toxin (eine Biowaffe) ließ sich aus dem Blut von Pferden gewinnen, die mit der Krankheit Kontakt gehabt hatten. Die Vereinigten Staaten besaßen jedoch nur ein einziges Pferd, von dem sich das entsprechende Serum gewinnen ließ." Zu dieser bitteren Eilbilanz kam ein Beauftragter von US-Stabschef Colin Powell im Spätherbst 1990, als die Alliierten gegen den Irak aufmarschierten und nichts mehr fürchteten als eine Biowaffenattacke: "Was ihn am meisten überraschte, war das völlige Fehlen eines Plans für die Verteidigung im Falle eines Biowaffenangriffs."

Die Überraschung, die das Militär sich selbst bereitete, wird in Virus (nicht die glücklichste Übersetzung für den Originaltitel Germs) geteilt und über den Einzelfall hinaus gehoben: Es gibt kaum Planungen. Aber eine Abwehr ist auch gar nicht so einfach, das ist der Sukkus der Geschichte der modernen Biowaffen, die die Autoren - drei Journalisten der New York Times - in angelsächsisch-ruhiger Recherche erarbeiten: Sie beginnt beim einst großen Biowaffenprogramm der USA und führt über das noch viel größere der UdSSR bis zum Irak und anderen, die die heute erbärmlich bezahlten früheren Sowjet-Spezialisten umwerben.

Zum mangelnden Schutz tragen auch groteske Pannen bei - die einzige Anthraximpfstoffabrik der USA ist seit 1996 wegen Mängeln geschlossen -, aber die Ursachen liegen tiefer: Krankheitserreger sind leicht beschaffbar - Anhänger des Gurus Bhagwan, die 1984 eine US-Kleinstadt durch Lebensmittelvergiften an Wahlen hindern wollten, bestellten beim selben US-Labor, bei dem später auch der Irak orderte -, und Epidemien sind schwer auf Biowaffen rückverfolgbar, der Bhagwan-Anschlag etwa konnte nicht nachgewiesen werden, erst interne Streitigkeiten der Sekte brachten ihn ans Licht. Und wenn irgendwo eine neuartige Epidemie auftritt, sind die Gesundheitssysteme rasch an ihren Grenzen, etwa beim natürlich eingewanderten West-Nile-Virus 1999 in New York, das die Laborkapazitäten überforderte. Und wo sie ausreichen, sind die Menschen leicht überfragt: Anthrax etwa oder die ausgerotteten Pocken kann mangels Erfahrung kaum ein Arzt diagnostizieren.

Trotzdem ist das Teufelszeug bisher kaum eingesetzt worden, eine Bilanz von Anschlägen mit biologischen und chemischen Waffen listet seit 1976 weltweit 285 auf, bei denen - außer beim Giftgasanschlag der Aum-Sekte auf die U-Bahn in Tokio - kaum Menschen zu Schaden kamen: Der Einsatz der Waffen ist technisch nicht einfach. Dafür wächst mit den Möglichkeiten der Gentechnik die Sorge vor neuen Schrecken.

"Letztlich sind wir immer noch sträflich unvorbereitet auf eine Katastrophe, die keiner anderen gliche, welche die USA je erlebt haben." Mit diesem Satz endet das Buch, aber nicht die Geschichte. Germs kam in den USA am 11. September auf den Markt. Und eine der Germs-Autorinnen erhielt im Oktober einen Brief mit weißem Pulver, das die sachkundigen Journalisten ganz unbefangen berochen. "Ein Anthrax-Scherz, dachte ich." Sie hatte Glück und Recht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 3. 2002)

Von Jürgen Langenbach

J. Miller, S. Engelberg, W. Broad, Virus. Die lautlose Bedrohung

EURO 23,60/ 568 Seiten. Droemer, München 2002.
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