Macht, auf Medien gebaut

22. März 2002, 21:22
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STANDARD-Interview mit Carlo Feltrinelli, der für das Buch über seinen Vater, den Mailänder Verleger und politischen Aktivisten Giangiacomo Feltrinelli, den Literaturpreis der Osterfestspiele Salzburg verliehen bekommt

Am kommenden Montag wird Carlo Feltrinelli der Literaturpreis der Osterfestspiele Salzburg für das Buch über seinen Vater, den Mailänder Verleger und politischen Aktivisten Giangiacomo Feltrinelli, verliehen. Michael Freund sprach mit dem Autor über Erinnerungsarbeit, Erfolg in der Literatur und die Ziele des Verlags in der Ära Berlusconi.

Als Giangiacomo Feltrinelli im März 1972 unter noch immer nicht geklärten Umständen nach einer Dynamitexplosion tot aufgefunden wurde, war sein Sohn Carlo Fitzgerald gerade zehn. Die Jahre davor hatte er seinen Vater nur bei geheimen Treffen in Italien und im Ausland, unter anderem auf einem Familiengut in Österreich, gesehen: Der Verleger, der mit Doktor Schiwago und Der Leopard Literaturgeschichte gemacht und sein Haus zu einer der wichtigsten italienischen Adressen aufgebaut hatte, war untergetaucht, weil er sich nach seiner Unterstützung für den bewaffneten Kampf der Linken seines Lebens nicht mehr sicher sein konnte.

Seit 1989 leitet Carlo gemeinsam mit seiner aus Deutschland gebürtigen Mutter Inge den Verlag, der 2001 sein erfolgreichstes Jahr hatte. Daneben gibt es eine Kette von Buch- und Musikgeschäften, die mittlerweile 97 Läden umfasst. Und die Familie führt auch die von Giangiacomo mithilfe des ererbten Familienvermögens initiierte Fondazione Feltrinelli weiter. Diese Stiftung widmet sich der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas, in den letzten Jahren hat sie sich auf die großen Themen der Globalisierung konzentriert. Carlo Feltrinelli ist verheiratet, die Familie hat zwei Kinder. Er reist viel, ist immer noch häufig auf dem Familienbesitz bei Schladming, spricht sehr gut Deutsch ("sogar ein wenig Steirisch"), Englisch und ein wenig Spanisch.

Vor drei Jahren brachte er das Ergebnis einer langen Recherche über seinen Vater heraus, Senior Service, benannt nach der Lieblingszigarettenmarke des Protagonisten, "aber auch eine Anspielung an ,Geheimdienst' und ein Verweis auf einen Dienst des Älteren für den Jüngeren", wie der Autor sagt. Für das Buch wird Carlo Feltrinelli am kommenden Montag der Literaturpreis der Osterfestspiele Salzburg 2002 verliehen. In der Begründung der Jury Nonino (der unter anderen Jorge Amado, Peter Brook, V.S. Naipaul und Ermanno Olmi angehören) wird es ein wichtiges Werk genannt, "einerseits aufgrund seines Wertes als klares Dokument konfliktreicher und umstrittener Zeiten, andererseits vor allem als archetypischer Streifzug durch die menschliche Existenz, nämlich den der Suche nach den eigenen Wurzeln".


Ob der Tod Ihres Vaters Unfall, Selbstmord oder Mord war, sei, sagen Sie, letztlich nicht so wichtig für Sie. Was zählte beim Verfassen des Buches am meisten?

Feltrinelli: Es zählte vor allem, eine Geschichte zu erzählen, die noch nie in ihrer Gesamtheit geschildert worden war. Es wurden öfters die karikaturhaften oder sonstigen Aspekte der Biografie meines Vaters hervorgehoben. Ich habe das Buch ohne polemische Intention verfasst, es war mir völlig egal, was es da an Meinungen gab. Aber ich wollte meine Vision der ganzen Angelegenheit zum Besten geben. Das war's eigentlich.

Was, über Ehrungen und positive Kritiken hinaus, hat die Publikation von Senior Service bewirkt?

Feltrinelli: Ich war zunächst neugierig, was so eine Geschichte nach 30 Jahren überhaupt noch für ein Interesse hervorrufen könnte. Doch sogar im Ausland war dann das Echo überraschend groß - ich denke zum Beispiel an die Ausstellung über die Feltrinellis, die als Folge der Veröffentlichung in Zürich stattfindet. Ehrungen und Kritiken waren mir nicht so wichtig, ich will eigentlich aus der ,Folklore' des Autors wieder heraus.

Und hauptsächlich Verleger bleiben?

Feltrinelli: Genau.

Woher rührt der derzeitige Erfolg Ihres Hauses? Geht es um die großen Namen, um eine kluge Geschäftspolitik?

Feltrinelli: Im Verlagswesen gibt es glückhafte und weniger glückhafte Jahre. Im letzten hatten wir besonders viel Glück. Aber wichtig sind die mittel- bis langfristigen Entwicklungen, und da stehen wir entschieden gut da. Was zählt, ist die Fähigkeit eines Verlags, eine Route zu markieren.

Und wie sieht diese Route für Ihren Verlag aus?

Feltrinelli: Ein guter Querschnitt durch die neue italienische Literatur, mit Namen wie Antonio Tabucchi, Gianni Celati, Stefano Benni, Erri de Luca und anderen. Dazu eine gute Backlist. Unter unseren ausländischen AutorInnen sind Namen wie Isabel Allende, Hugo Claus, Christoph Ransmayr, Richard Ford, Imre Kertész oder Péter Esterhazy. Und dann wird Feltrinelli vom Publikum nach wie vor als Verlag wahrgenommen, der sich zu den großen offenen Fragen äußert.

Was wurde aus anderen großen italienischen Verlagen wie Einaudi oder Bompiani, die für Ähnliches bekannt waren?

Feltrinelli: Einaudi gehört Mondadori, das heißt Berlusconi. Bompiani gehört Rizzoli und damit zum Teil den Agnellis. So viel zur Unabhängigkeit.

Als persönlich haftender Verleger kann Sie niemand zum Verkauf zwingen. Wie gefährdet sind Sie trotzdem angesichts der Medienkonzerne? In der deutschsprachigen Kulturwelt gibt es ja eine gewisse Anerkennung für Verlage, die es schaffen, unabhängig zu bleiben. Feltrinelli: Das ist mit unabhängigen Verlagen in vielen Ländern vergleichbar. Sie haben einen gewissen Wiedererkennungswert, sind in Grenzen von den anderen Verlagen unterscheidbar. Dank unseren Buchhandlungen haben wir eine signifikante Marktpräsenz in Italien und können in der Oberliga mitspielen. Bisher hatten wir keine Probleme, im Gegenteil, die Tatsache, dass wir unabhängig sind, bietet uns gewisse Möglichkeiten.

Moralische Anerkennung oder kommerzielle Chancen?

Feltrinelli: Ein wenig von beidem.

Sie werden in Kürze Uwe Johnsons Jahrestage auf Italienisch herausbringen, und Sie bemerkten dazu: "Es wird ein ökonomischer Misserfolg werden, aber das Buch hat es verdient." Das klingt nach einer Mischkalkulation à la Wagenbach: Mit welchen Büchern versuchen denn Sie, solche bewussten Risiken auszugleichen?

Feltrinelli: Ich denke, das ist das Raisonnement vieler Verlage. In der Chemie eines Verlagsprogramms gibt es Bücher, die natürlich aus kommerziellen Überlegungen geführt werden, und andere, weil das Haus gefühlsmäßig hinter ihnen steht. Beide Aspekte gehören zur richtigen Chemie. Ich war immer ein großer Bewunderer von Johnson, und das genannte Werk ist zweifellos ein großes verlegerisches Unternehmen - 700 Seiten allein der erste Band! Aber ich bin sehr zufrieden, dass wir es veröffentlichen.

Es gab immer wieder Etiketten für die mehr oder weniger bewegten Zeiten im Nachkriegsitalien - Heißer Herbst, Jahre des Bleis, Übergang zur 2. Republik. Wie würden Sie die jetzige Phase charakterisieren?

Feltrinelli: Ich glaube, es handelt sich um einen neuartigen Zustand. Das Machtsystem, das Form annimmt, hat es bisher nicht gegeben. Ich sage nicht wie einige, dass wir es mit einer Diktatur, mit dem Faschismus zu tun haben. Nicht dass diese Phase ungefährlich wäre. Nur wäre es falsch, sie mit den Etiketten der Vergangenheit zu sehen. Es ist ein neues Machtmodell in Italien, welches - was ich nicht hoffe - auf andere Länder übertragen werden kann. Es baut auf einem Mediensystem (sistema mediatico) auf, auf einer Kontrolle durch einige wenige Mächtige bei gleichzeitiger Delegitimierung von Parlament und Justiz. Das ist eine neue Formel. Um sie zu bekämpfen, muss man zuerst verstehen, worum es sich eigentlich handelt. Sie ist neu und daher vielleicht um so gefährlicher.

Erinnert Sie die Ermordung des Regierungsberaters und Arbeitsrechtsprofessors Marco Biagi am vergangenen Dienstag an die Zeiten vor 30 Jahren? Was ist vergleichbar, was ganz anders, wie schätzen Sie die Lage ein?

Feltrinelli: Als eine Tragödie. Ich würde sie aber nicht mit den Tragödien von vor 30 Jahren verknüpfen. Der Kontext ist ein ganz anderer, wenn auch die Attacken, die schwere Wunden hinterlassen, ähnlich aussehen. Sicher, man hat in Italien immer wieder das Gefühl, dass etwas Obskures vorgeht. Es ist mein Gefühl, dass gerade in Übergangszeiten solche Attentate passieren, dass die Mobilisierung der Bevölkerung zunimmt, die Streiks - alles Zeichen einer gewissen Spannung. Und dann entlädt sich etwas, das das ganze italienische politische Milieu verdreckt.

Obskur: das erinnert an Obskurantismus, und dazu fallen einem bald die Loge P2 und die vielen unerklärten und unerklärlichen Vorfälle in Italien in den letzten Jahrzehnten ein. Das rational zu erklären schien immer ein wenig schwierig.

Feltrinelli: Nun . . . das ist es auch.

Was kann ein Feltrinelli angesichts Berlusconi tun?

Feltrinelli: Das tun, was er immer tat, und es so gut wie möglich tun: ein Verleger der Linken zu sein, nicht im Sinn der Parteien, sondern in einem umfassenderen Sinn. Stimulierend zu sein, auf eine nicht pathetische Weise Instrumente der Analyse zur Verfügung zu stellen, mit einer klaren Sicht der Probleme; manchmal aggressiv zu sein, wenn die Umstände es verlangen. Ich denke, das ist unsere Geschichte und auch unsere Zukunft.

Merken Sie eine wachsende Repression, und wenn ja: Wie wirkt sie sich auf das Verlagsgeschäft aus?

Feltrinelli: Nein, weder persönlich noch im Verlag. Ich spüre aber etwas im Ausland: Wenn ich zum Beispiel wie vor kurzem mit Journalisten in Zürich diskutiere, dann stellen die sehr seriös und wie selbstverständlich politische Fragen, für die sie bei uns in Italien bereits als Linksradikale denunziert würden - das hat mir zu denken gegeben. In Italien wird vieles nicht diskutiert, weil das Klima schon zu hysterisch aufgeheizt ist, voller Vereinfachungen und Verallgemeinerungen. Doch von Repression im Sinne, wie in Genua die Leute geprügelt wurden, würde ich in meinem Alltag nicht sprechen.

Die Biografie Ihres Vaters, so schrieben Sie einmal, habe Sie gelehrt, dass man viele Leben haben kann, nicht nur eins. Was möchten Sie Ihren Kindern auf den Weg mitgeben?

Feltrinelli: Dass es mehrere Leben gibt, dass man nicht einfach geboren wird, altert und stirbt; dass man sich unterschiedlichsten Realitäten, Situationen und Menschen aussetzen kann: Das scheint mir immer noch eine gute Lektion. Und ich wünsche mir, dass meine Kinder Respekt und Solidarität den Menschen gegenüber lernen, die nicht die Privilegien haben, die wir in diesem reichen Land Italien genießen.
(DER STANDARD, Album, 23.03.2002)

Die Verleihung des Literaturpreises findet am 25.3. um 12.30 Uhr in der Fördererlounge des Großen Festspielhauses in Salzburg statt. Der Autor wird persönlich aus seinem Werk lesen.

Carlo Feltrinelli, Senior Service. Das Leben meines Vaters. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann. Hanser, München Wien 2001.

Das März-Heft der Schweizer Kulturzeitschrift du ist Feltrinelli senior gewidmet.

Die Ausstellung "Giangiacomo Feltrinelli. Verleger und Revolutionär" läuft bis 26. Mai im Zürcher Museum Strauhof.

Fondazione Feltrinelli, via Romagnosi 3, I-20121 Milano: eine Bibliothek, die täglich allen Interessenten offen steht; dazu Seminare, Konferenzen, laufende Publikationen und jährliche internationale Kolloquien in Cortona (Toskana), die sich seit einiger Zeit vor allem mit ethnischen Konflikten beschäftigen.

feltrinelli.it

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