Was Polizisten und Afrikaner verbinden kann

22. März 2002, 20:44
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Wiener Projekt gegen Klischeebilder

Wien - Drogendealverdacht in der Quellenstraße, doch der angehaltene Afrikaner zückt keinen Pass. Auch Blickkontakten weicht er aus, dafür schimpft er laut und folgt mit den Augen jeder Bewegung der Beamten.

Eine Situation, "die sich leicht hochschaukelt", wie Josef Böck von der Kriminalpolizei Floridsdorf weiß. Vorurteile, Du-Anrede aus Polizistenmund, dann Zugriff, Handschellen: "Auch ich selber bin in solchen Situationen früher sehr aggressiv geworden."

Verständigung

Heute jedoch "gehe ich auf einen Afrikaner, der beim Verhör abblockt oder provoziert, einfach zu und reiche ihm die Hand". Eine menschlich entwaffnende Vorgangsweise, die er, Böhm, sich im Rahmen des Projekts "Polizei und Afrikaner" angeeignet habe. Und zwar - das ist ihm wichtig - "ohne die Situation mit den Drogendealern sonst verharmlosen zu wollen".

Am Freitag erstattete das im Juni 2000 vom Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Erik Buxbaum, gestartete transkulturelle Verständigungsprojekt eine erste Zwischenbilanz: In Wien-Alsergrund habe man mit EU-Mitteln und vom Innenministerium unterstützt Pilotveranstaltungen durchgeführt, erläuterte Michael Zach vom Institut für Afrikanistik.

Einen Dreitagesworkshop mit Afrikanern, NGO-Gruppen und Exekutivbeamten etwa: "Am Anfang war die Spannung fast unüberwindlich", erzählt Projektmitinitiator Sintayehu Tsehay, "nur Klischeevorstellungen und Schuldzuweisungen wurden ausgetauscht". Also habe man "nach drei Stunden eine Pause gemacht", um später unbelasteter weiterreden zu können. Tsehay: "Es hat funktioniert."

Polizeischülerpflicht

Auch Partnerschaften mit Projekten in München, Helsinki und London wurden eingegangen. Mittelfristig soll ein neues Trainingsprogramm zur Vermeidung von Diskriminierung für Polizeischüler verpflichtend werden.

Wichtig nämlich sei zu erkennen, "wie sich die unterschiedlichen kulturellen Backgrounds auswirken", meint Barbara Rainer vom Institut für bedrohte Völker. Etwa, dass ein direkter Blick in Polizistenaugen in weiten Teilen Afrikas einer Behördenbeleidigung gleichkomme. In Ländern, wo außerdem "eine Festnahme lebensbedrohend" sein könne. (bri/DER STANDARD, Printausgabe 23./24.03.2002)

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