Wenn schon Mord, dann mit Kultur

22. März 2002, 20:36
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Neue Krimis aus Italien

Machmal führt ein Scherz zu einem unerwartet bösen Ende. Ahnungslos schicken die jungen Leute, die bei einem Internet-Provider arbeiten und zufällig auf die Spur eines merkwürdigen Briefverkehrs stoßen, einem der Teilnehmer eine Nachricht. Das wird ihnen zum Verhängnis. Denn sie sind damit auf die Spur eines Berufskillers gestoßen, der auch von einer zähen Ermittlerin, die sich auf Untergetauchte spezialisiert hat, gejagt wird. Vittorio ist ein Verwandlungskünstler und gänzlich frei von Skrupeln. Unter den Augen der Polizei beseitigt er seine Opfer. Seine Aufträge erhält er auf verschlungenen Mail-Pfaden. Auch wenn die Opfer unter Polizeischutz stehen und abgehört werden, gelingt es ihm dennoch, sie zu eliminieren. Eine arge Schlappe für die Inspektorin Grazia Negro, die alles daransetzt, ihre Berufsehre wieder herzustellen. Lucarellis subtile, schnelle und faszinierend unorthodoxe Krimis sind in Bologna angesiedelt, womit ein weiterer weißer Fleck in der Liste möglicher urbaner Tatorte von der italienischen Landkarte getilgt wäre.

Carlo Lucarelli, Der Kampfhund. Aus dem Italienischen von Peter Klöss. EURO 18,40/301 Seiten DuMont, Köln 2002.


In Rom haben selbst die bizarrsten Verbrecher Kultur. Statt ungehobelter Ost-Mafia und missgelaunten schwedischen Ermittlern laufen hier echt gebildete Menschen manchmal ein wenig aus dem Ruder. Wenn man schon genötigt ist, einen Schauspieler um Eck zu bringen so geschieht das im Palazzo Spada vor einem Gemälde, das die traurige Geschichte von Dido und Aeneas zeigt. Man lebt in edlen Gebäuden, befasst sich mit Kunst, Liebschaften und Geld. Commissario Caselli kann dem dekadenten Treiben der offenbar involvi erten adeligen Familie nichts abgewinnen. Da hat er aber einen schlechten Stand, denn erstens kommt Caselli aus Sizilien, was der ausgepichte Römer immer noch an seiner Sprechweise erkennt und ihn auch spüren lässt. Zweitens bringt ihn seine Ablehnung adeliger Privilegien in den Geruch des Kommunisten. Der ermordete Schauspieler entpuppt sich als Liebhaber von Mutter und Tochter, die Mutter ihrerseits teilt ihren offiziellen Leben sgefährten mit ihrer jüngeren Tochter; der getrennt lebende Ehemann lebt mit der Halbschwester des Getöteten zusammen, die ihrerseits mit dem schönen Schauspieler ein inzestuöses Verhältnis hatte. Bis Caselli all diese verwickelten Verhältnisse durchleuchtet hat, muss er einiges über sich selbst und seine Illusionen lernen.

Maria di Palma, Mord im Palazzo Spada. EURO 18,40/235 Seiten. Eichborn, Frankfurt am Main 2002.


Es handelt sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten, Kleinodien, die zum Teil bereits in italienischen Zeitungen veröffentlicht wurden und wie üblich im sizilianischen Biotop des Autors spielen. Camilleri hat den ganzen pittoresken Menschenzoo der fiktiven und doch so echten Provinz versammelt, mittendrin der oft ziemlich grantige Commissario Montalbano der meistens, we nn ein Todesfall ganz natürlich aussieh, dennoch das Grübeln nicht lassen kann und unversehens Leute auffliegen lässt, die sich schon in Sicherheit wähnten. Dies alles geht recht gemütlich zu und ist oft gespickt mit den unnachahmlichen sizilianischen Dialektausdrücken. Gegen den Vorwurf des allzu Gemütlichen hat Camilleri eine nächtliche Phantasie geschrieben, die die schlimmsten Blutorgien amerikanischer Serial-Killer ironisiert. Darin heißt es: "Manche Leute schreiben, ich sei ein Schönfärber, ich würde nette, harmlose Geschichten erzählen; andere dagegen sagen, dass mir der Erfolg...nicht gut getan hat, dass ich mich wiederhole und nur mein Autoren- honorar im Auge habe..." aber das ist Montalbano alias Camilleri egal, er versichert glaubhaft, dass er auch weiterhin auf "gebra- tene Menschenaugen" oder ähnliche kulinarisch-kannibali- sche Highlights verzichten wird. Viele Leser werden es ihm danken. Andrea Camilleri, Die Nacht des einsamen Träumers. EURO 19,60/376 Seiten. edition Lübbe, Bergisch Gladbach 2002.

(Von Ingeborg Sperl - DER STANDARD, Album, 23.03.2002)

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