Was ist und was hätte sein können

22. März 2002, 20:34
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Dieter Kühn spürt Maria Sibylla Merians (1647-1717) Leben nach

Sie ist die Merian, Maria Sibylla Merian, barocke Naturkundlerin, wagemutige Reisende und Malerin, vor allem von Blumen, Raupen und Schmetterlingen. Er, Dieter Kühn, ist einer der Biografen der deutsprachigen Gegenwartsliteratur. Er verfasste die Lebensgeschichten von Minnesängern, wie zum Beispiel Oswald von Wolkenstein und Neidhart von Reuental, schrieb eine Biografie der Clara Schumann. Eines seiner interessantesten Bücher war gleich einmal sein Erstling: N. Da gestattete er sich - vom Zwang der Geschichte gelöst - in Napoleons Leben unter dem Motto "was wäre geschehen, wenn?" an einigen Kreuzungspunkten die Weichen anders zu stellen.

Das tut er diesmal nicht. Er beschreibt auf weit über 600 Seiten das Leben der Maria Sibylla Merian von der Geburt als Tochter des berühmten Matthäus Merian an, Frau des Johann Andreas Graff und Mutter zweier Töchter bis hin zu ihrem Tod, 70 (besonders für die damalige Zeit) lange Jahre später. Kühn kommt dabei nahezu ohne Fiktion aus. Dabei weiß man herzlich wenig über diese "energische, rasante und witzige" Frau. Man kennt ihr Werk, einige wenige äußere Daten ihres Lebens und ein paar Briefe.

Was Kühn erfindet, sind Lebensbilder, 35 an der Zahl, in verschiedensten Techniken ausgeführt, stellen sie Stationen ihres Lebens dar und er erweist sich sowohl bei den fiktiven als auch bei den tatsächlich existierenden Bildern, die er dem Leser vor Augen führt, als genauer, jedes Detail mit einbeziehender Beschreiber. Ein barockes Frauen- und Künstlerinnenleben entsteht da: es beginnt zum Ende des 30jährigen Krieges und endet in dem Jahr als Prinz Eugen Belgrad eroberte, Kriege also dieses ganze Leben lang.

Dieter Kühn verlangt Geduld vom Leser, für die vielen Details, die er heranschafft, um die Merian und das, was mit ihr und um sie rum passiert ist, darstellen zu können. Immer unter dem Aspekt: Wenn es nicht so war, hätte es immerhin so sein können.

Er befasst sich schon lange Zeit mit der Heldin seines Buches, er hat einen Film über sie gedreht, er lässt einen an seinen Annäherungen, auch an denen aus der Vergangenheit teilhaben, aber: Er steht ihr immer objektiv gegenüber, er verwendet nicht das Wort Identifikation, sondern Resonanz. Die vielen Details, die so ein Leben, seine Besonderheiten und seine Normalitäten ausmachen, er zeigt sie auf: locker, flüssig in kurzen Abschnitten schreibt er über die Geschichte des Stillebens, die Gärten in Nürnberg, Frankfurt und Amsterdam, die Tulpomanie, das Trocknen von Raupen, Surinam (dort, im tropischen Norden Südamerikas hat die Merian als nicht mehr ganz junge Frau einige Jahre verbracht), den Kunsthandel in Amsterdam, das Zeichnen in der Naturwissenschaft heute, Malaria, Sklavenhaltung.

Und über den Pietismus, jene protestantische Sekte, die Gott alles und den Menschen nichts sein lässt. Maria Sibylla Merian war Pietistin. Kühn sieht darin auch eine der Ursachen, "dass sie immer nur begabte Blumenmalerin geblieben ist und sich nie zur fulminanten Malerin von Blumenstilleben entwickelt hat." Der Pietismus scheint auch einer der Gründe gewesen zu sein, warum sie ihren Mann verlassen hat. Kühn wirft auch Fragen auf, auf die es keine Antworten gibt, weil man sie sich damals gar nicht gestellt hat. Zum Beispiel - so meint Kühn - hätte sich die Merian fragen können, wie denn das passiert, dass aus der verpuppten Raupe auf einmal ein Schmetterling herauskommt. Dargestellt hat sie Raupen, Puppen und Schmetterlinge ja tausende Male. Sie wollte nur darstellen und nicht ergründen. Sie war die Merian, sie war nicht - noch nicht - Goethe.

Was Dieter Kühn immer wieder gegenüberstellt - das Rekapitulieren gehört bei dem Umfang dieses Buches zu den leserfreundlichen Eigenschaften des Verfassers - was er also immer wieder betont, ist die Kontinuität ihres künstlerischen Schaffens und die Diskontinuität ihres Lebens: die vielen Ortswechsel, die Trennung vom Mann, die Reise nach Surinam.

"Wir müssen uns noch einmal über Geld verständigen" schreibt Kühn gegen Ende des Buches. Für ihr Surinam-Buch, einen Band mit kolorierten Pflanzen- und Falterbildern verlangte die Merian 45 Gulden, das sind, so rechnet der Verfasser um, 1100 Euro. Für dieses Geld bekam man damals zwei Rembrandt Gemälde. Heute liegt der Wert eines ihrer Blätter bei circa 700 Euro.

(Von Konrad Holzer - DER STANDARD, Album, 23.03.2002)

Dieter Kühn, Frau Merian! Eine Lebensgeschichte. EURO 25,60/646 Seiten. S. Fischer, Frankfurt/Main 2002.
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