Die schwere Kunst des Liebens

25. März 2002, 08:09
posten

E. A. Poe und Ovid als Folien für Marlene Streeruwitz' Familensaga

Viele umwarben das Mädchen, doch sie litt keine Bewerber, / Ohne die Liebe des Mannes durchstreifte sie weglose Wälder." - Wer hätte gedacht, dass Marlene Streeruwitz in ihrem neuen Roman Ovid zum Kronzeugen aufrufen würde? Gutes altes Gymnasium: Die Protagonistin studiert die Verse beim Schuleschwänzen im Schwefelbad, "September 1957. Baden." Daphne, der auf der Flucht vor dem liebestollen Apoll die Verwandlung in einen Lorbeerbaum blüht, ist das Gegenbild zum Partygirl, in das sich die schöne Madeline mal verwandeln wird. Doch zugleich bildet der Mythos spiegelverkehrt ihr späteres Lebensmuster ab: Denn sie wird es sein, die einen Mann liebt, der vor ihr flieht, sich von ihr zurückzieht - jenen Mann, auf den sie im Bad wartet, der mit ihr die Lateinaufgabe durchgehen will: ihren Bruder Roderick.

Der eigentliche Subtext des Romans stammt nämlich von Edgar Allen Poe: Auch mit ihrem Nachnamen verweisen die Geschwister Ascher auf dessen Erzählung The Fall of the House of Usher, in der Lady Madeline sozusagen zweimal stirbt. Was Poe in wenigen Seiten abhandelt, dafür braucht Marlene Streeruwitz 400. Sie baut die innige Liebe zwischen Bruder und Schwester zum handfesten Inzest aus, wobei sie mit dem Plot souverän und keineswegs sklavisch umgeht: Auch in ihrer Geschichte erschreckt Madeline den armen Roderick zu Tode, auch bei ihr geht es um Angst und Überempfindsamkeit, Dekadenz und Krankheit, und doch ist alles ganz anders. Der Roman beginnt mit dem Ende, "Oktober 2000. Chicago." Die Aschers sind bettelarm, Madeline lebt als Putzereigehilfin zwischen den Zumutungen des widerlichen Besitzers und den Tröstungen eines schwarzen Verkäufers. Erst später wird klar, dass die Schöne da schon sechzig ist. Streeruwitz blendet chronologisch zurück, schickt sie gleichsam auf eine erzählerische Verjüngungskur. Bei der Erhellung der naturgemäß dunklen Familiengeschichte wird Karte um Karte aufgedeckt, durchaus subtil, beinahe en passant, mag auch die Kurzfassung nach einem Reißer klingen: Dem Skandal der körperlichen Geschwisterliebe ging ein anderer voraus - der Selbstmord des Vaters, eines hochgradigen wie hochrangigen Nazis, der nach dem Krieg von einem Makel im arischen Stammbaum erfahren musste.

Indem Marlene Streeruwitz die Geschichte im autobiografischen Milieu einer morbiden Badener Villa ansiedelt, verknüpft sie die Poe-Paraphrase unübersehbar mit Hans Leberts Roman Der Feuerkreis, wobei sie sich vom Effekthaschenden der politischen Inzestmoritat distanziert, zugleich jedoch historische Bodenhaftung für ihre Figuren gewinnt. Das Kosmopolitische gerät so zur Kulisse für ein urösterreichisches Drama. Das gut gezimmerte Handlungs- und Motivgerüst erweist sich als Glücksfall für dieses Buch. Es gibt ihm einen festen Rahmen, verleiht dem Redeschwall einen Resonanzkörper und nimmt dem Hyperrealismus den Hautgout des Banalen. Im Gegensatz zu Margarethe in Nachwelt ist Madeline eine tragische Gestalt. Wo immer Streeruwitz ihre Heldin hinschickt, ob nach Havanna oder Santa Barbara, Berlin oder Kreta, ob sie dort, wie meist, auf den Bruder Rick wartet oder nach ihm sucht, ob sie sich in gezwungen fröhlicher Promiskuität übt, sich von Männern, die immer viel zu schnell fahren, chauffieren oder sich von ihnen Shrimpscocktails bestellen lässt, die diese dann selber aufessen, ob sie, wie meist, Hals über Kopf weg will, stets gilt Ricks Diagnose: "Wir füllen die Leere mit Leere aus."

Wie Madeline immer wieder alle Zustände bekommt, wird mit manchmal quälender Verve beschrieben. Wie sie meint, in Brustkörbe hineinzusehen, wo der Herzschlag (wie bei Poes Lady) aussetzt. Wie sie sich "von oben" beobachtet fühlt und mit Absicht in die Sonne starrt: "Sie hätte es dauernd machen wollen. Mit jedem. Mit jeder Person. Mit allem." Sie ist es, die Cupidos liebeskrank machender Pfeil getroffen hat, waidwund ein Leben lang. Und die der Vertreibung aus dem Paradies der sündigen Unschuld und dem verordneten Schuldgefühl mit schönem Trotz begegnet. Ein für allemal etabliert Streeruwitz sich hier als Spezialistin für Frauenleiden, für die unbarmherzig kleinliche Beschreibung von Unpässlichkeiten von der Menstruation bis zur Migräne. Unnachahmlich der Reiz, der aus dem Missverhältnis von Drastik und gutbürgerlicher Erziehung entsteht. Wer sonst ließe das Opfer während einer Vergewaltigung in ein "Golddrucklederreisenecessaire" erbrechen? Wer sonst würde ein komplettes Sachertortenrezept in die Schilderung einer schwulen Toskana-Ferienkommune einarbeiten? Madeline soll dort für die koksenden Stützen der Gesellschaft backend Familienidyll erzeugen: ebenso wie die Episode um die Wiener Habererpartie der Siebziger ein satirisches Glanzlicht des Buches. Streeruwitz' Stil des Halbgedachten, Halbgesagten, des sprachlichen Coitus interruptus ist in sich perfekt - sieht man vom störend unlogischen Mix aus Konjunktiv I und II ab. Das Lektorat hat nicht nur die Vermengung von Nord- und Süddeutschem (hatte/war gestanden) in einem sonst höchst authentischen Sprachgewand übersehen, da steht auch "ich verbiete mir", "mangare" statt "mangiare" oder "Jausen" statt "Jausnen". In ihrer Überspanntheit und Egozentrik (sind ihre Beine nun schön lang oder zu kurz?), in ihrer wehleidigen Kälte ist einem diese Madeline Ascher nicht unbedingt sympathisch. Man muss es ihr nicht gleichtun, die über Fräulein Else Schnitzler zu hassen beginnt. Ihre Autorin hat jedenfalls akkurat komponiert: von den Todesarten, deren Spur das Buch durchzieht, Ersticken, Verbrennen, Erhängen, Ertrinken, Erfrieren bis zu den "Butterfingern", die im Amerika des ersten Kapitels etwas anderes bedeuten als in der Badener Kindheit. Hier fungiert die meisterliche Schwimmbad-Szene als Urbild paradiesischer Körperlichkeit: Es gehört einiges dazu, den Verzehr eines Butterbrotes erzählend zum Fest der Sinne werden zu lassen.

(Von Daniela Strigl - DER STANDARD, Album, 23.03.2002)

Marlene Streeruwitz, Partygirl. EURO 20,50/416 Seiten. S. Fischer, Frankfurt/Main 2002.

Share if you care.