Kirche in der Krise

23. März 2002, 21:35
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Ruhe vor dem Sturm, der nach der nächsten Papstwahl ausbrechen wird

Um eine Institution, die jahrhundertelang das öffentliche Leben in Österreich entscheidend geprägt hat, ist es still geworden: die römisch-katholische Kirche. Noch 1979 lag der Anteil der Katholiken im Land bei 91 Prozent, die demnächst vorliegenden Daten der jüngsten Volkszählung dürften nur mehr einen Anteil von knapp 70 Prozent ausweisen. Das müsste bei jeder Institution alle Alarmglocken läuten lassen, doch zumindest nach außen hin übertreffen die Repräsentanten der Kirche fast noch die schon sprichwörtliche Gelassenheit des Bundeskanzlers. Ruhe erscheint als die erste Christenpflicht.

Hubert Feichtlbauer, Publizist und Vorsitzender der Plattform "Wir sind Kirche", die aus dem Kirchenvolks-Begehren von 1995 hervorgegangen ist, bringt es auf den Punkt: "Es ist eine Periode der Langeweile, und nichts Schrecklicheres kann einer Institution passieren." Die Kirche fahre wie eine träge Flotte dahin, daneben wie in Unterseebooten die Bischöfe: "Sie tauchen hie und da für eine harmlose Erklärung auf. Sie machen nichts ganz falsch, aber es fehlt jede prophetische Gabe. Die einen wie die anderen sind müde geworden. Nach dem Kirchenvolks-Begehren haben sich einige ernsthaft bemüht, da einen Prozess in Gang zu bringen und etwas daraus zu machen. Der Höhepunkt war sicher im Herbst 1999 der Salzburger Delegiertentag, dann haben sie das alles nach Rom getragen. Und dort wurde ihnen mitgeteilt: Jetzt ist Schluss, darüber wird nicht geredet. Das hat die einen befriedigt, die anderen enttäuscht, aber das Ergebnis war, dass gar nichts mehr versucht wird, weil man weiß, dass in diesem Pontifikat kein noch so kleiner Ruck mehr gewünscht wird."

Die jetzige Ruhe dürfte demnach eine Ruhe vor dem Sturm sein, der spätestens nach der nächsten Papstwahl losbricht. Denn die katholische Kirche ist bunter denn je und reicht von den Stockkonservativen, päpstlicher als der Papst und personifiziert durch den St. Pöltener Bischof Kurt Krenn, deren Medium die Monatspostille "Der 13." ist, bis zu den Kirchenrebellinnen um die Oberösterreicherin Ulrike Lumetzberger, deren unverhohlenes Ziel es ist, sich demnächst mit einigen Gefährtinnen zur Priesterin weihen zu lassen. Das Gros der Gläubigen kann mit beiden Extrempositionen nichts anfangen, ist aber mehrheitlich kleinen Reformen sicher nicht abgeneigt, wenn auch nicht in dem Maß, das sich etwa der pensionierte Pfarrer Rudolf Schermann mit seiner progressiven Monatszeitschrift "Kirche In" (früher "Kirche Intern") wünscht. Weit weniger reformfreudig sind die meisten Bischöfe, viele aus tiefster Überzeugung, manche wohl auch aus Rücksicht auf Rom. Feichtlbauers Diagnose dürfte zutreffen: Solange nicht einmal ein "kleiner Ruck" in Aussicht ist, herrscht langweiliger Stillstand in der Kirche. Das lähmt auch ihre Wirkung nach außen.

In einem sind sich sogar die meisten Ungläubigen mit den Gläubigen einig: Ohne lebendige Kirche wird es kälter in diesem Land. Aber wie vital ist die katholische Kirche? Jahr für Jahr kehren ihr über 30.000 - in besonders horriblen Jahren sogar über 40.000 - Mitglieder den Rücken. Dazu mehr Zuwanderung, weniger Kinder in katholischen Familien - und schon sinkt der Anteil an der Bevölkerung erheblich. Steckt die Kirche wegen solcher und anderer für sie wenig erfreulicher Zahlen (Messbesuch, Nachwuchs in geistlichen Berufen) schon in einer besonderen Krise? Ist für sie nicht Qualität wichtiger als Quantität, die Frage nach Intensität und Engagement nicht entscheidender als ein Denken in Quoten oder Reichweiten? Wie beurteilen Kircheninsider die Entwicklungen der letzten Jahre? Wohin steuert die alte Mutter Kirche, während Sozialforscher bereits wieder einen "Megatrend Religion" orten? Diese Serie fragt, informiert und analysiert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.3.2002)

Von Heiner Boberski, Autor und freier Journalist des Buches "Der nächste Papst - die geheimnissvolle Welt des Konklave" (Salzburg 2001)
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