Die Unfassbarkeit des Jazz

22. März 2002, 20:13
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Die schwergewichtige Zweitauflage des "New Grove Dictionary of Jazz" wird auf Jahre hinaus Standardwerk sein

So ganz genau weiß man noch immer nicht, wie und weshalb der Terminus "Jazz" in den 1910er-Jahren zur Beschreibung einer bestimmten afroamerikanischen Musizierweise in Gebrauch kam. Sicher scheint lediglich, dass sich so manche/r damalige/r Bewohner/in der schwarzen Südstaaten-Ghettos - angesichts heutiger in Abendgarderobe gewandeter "Jazz"-Konzert-Besucher in den klassischen Musik-Tempeln - wohl eines Lachkrampfes kaum erwehren könnten. Jazz, so resümiert Krin Gabbard in seiner Abhandlung über die Etymologie des Begriffs trocken, "is African-American slang for sexual intercourse, both as a verb and as a noun." Auch dass jene ominösen vier Lettern dereinst in Gold-Prägung auf voluminösen enzyklopädischen Wälzern wie dem New Grove Dictionary of Jazz (NGDoJ) zu finden sein würden, in dem jener Artikel nachzulesen ist (Bd. II, S. 391), daran dürfte damals niemand gedacht haben. Ja, der Jazz hat einen weiten Weg hinter sich, und er hat dabei mächtig historischen Speck angesetzt.

Man kennt die Behauptung, jenes Idiom habe in seiner Entwicklung von einer oral tradierten, afroamerikanischen Volksmusik hin zu einer internationalen künstlerischen Ausdrucksform jenseits der E- und U-Kategorien, von der Varianten-Heterophonie der New-Orleans-Bands über die freitonale Expressivität des Free Jazz bis zum Hardbop-Revival im Zeitraffer das nachvollzogen, wofür die europäische Musikgeschichte zwischen Renaissance-Polyphonie und Zweiter Wiener Schule bzw. Neoklassizimus mehrere Jahrhunderte benötigte. Auch der NGDoJ ist Ausdruck der Gesetztheit dieser Musik nach einem Jahrhundert stürmischer Veränderungen, nähert er sich seinem Gegenstand doch mit jener Akkuratesse und Ausführlichkeit, deren Ehre bislang nur klassischer abendländischer Musik zuteil wurde.

"Thai clarinettist and reed player" liest man hier im Artikel über einen Musiker namens Bhumibol Adulyadej. Dass es sich dabei um den jazzbegeisterten thailändischen König handelt, wird am Ende des Artikels in einem Nebensatz erwähnt (Bd. I, S. 214). Womit zwei Tugenden des erstmals 1988 erschienenen NGDoJ, der die methodischen Grundlagen von der 1980 publizierten "Mutter-Enzyklopädie" des New Grove Dictionary of Music and Musicians bezieht, bereits indiziert sind: Die souveräne, fundierte Wissenschaftlichkeit, in der die Information (inklusive separater Diskographie und Bibliographie zu jedem Musiker) aufbereitet wird, und die bewusste Vermeidung einer Amerika-zentristischen Perspektive.

Der amerikanische Musikwissenschaftler Barry Kernfeld spannte mittels eines prominent besetzten, internationalen Mitarbeiterstabs gleichsam eine Art Korrespondenten-Netz über die gesamte (westliche) Welt, um aus nächster Nähe mit Informationen versorgt zu werden. So kommt ein Gutteil der 2000 neuen Biographien der inhaltlich komplett überarbeiteten und um die Hälfte erweiterten, insgesamt knapp 8000 Einträge umfassenden zweiten NGDoJ-Auflage Musikern aus Europa, Südafrika und Japan zugute. Der Wiener Jazzhistoriker Klaus Schulz sorgte als österreichischer Mitarbeiter dafür, dass sich unter den rund 40 Eintragungen heimischer Jazzer neben den üblichen Verdächtigen nun auch Namen wie Franz Koglmann, Wolfgang Puschnig oder die "Reform Art Unit" finden.

Vom mythenumrankten New-Orleans-Kornettisten Buddy Bolden (1877-1931) bis zu Stefon Harris und Teodross Avery (Jahrgang 1973) ist so gut wie alles versammelt, was in 100 Jahren Jazzgeschichte Rang und Relevanz hat(te); wiewohl man beim obligaten Beckmesser-Spielchen natürlich auch auf Lücken - Bugge Wesseltoft und Otomo Yoshihide seien als Beispiele genannt - stößt. Mit der Berücksichtigung Tom Waits' oder Frank Zappas wurde der Definitionsrahmen indessen bewusst weit gesteckt. Was zum verwunderlichen Umstand führt, dass sich in all den wissensstarrenden Seiten, die auch ausführliche Abhandlungen zur Terminologie und Theorie des Jazz, seinen Stilen und Instrumenten, zu Labels, Festivals, Clubs, Archiven und Institutionen auf der ganzen Welt bieten, kein Versuch einer definitorischen Einengung des "Jazz"-Begriffs selbst unternommen wird - und sei es, um diesen explizit als aussichtslos scheitern zu lassen.

Angesichts der pluralistischen Gegenwart, in der der Jazz oft als Schwamm bezeichnet wird, der Musik jedweder Provenienz in sich aufsaugen und im Hier und Heute kommunizierbar machen kann, ist das Phänomen dieser Musizierhaltung weniger fassbar denn je. Auch in ultimativen Enzyklopädien wie dieser, die auf Jahre hinaus als primäre Quelle unbestritten bleiben wird.


(Von Andreas Felber - DER STANDARD, Album, 23.03.2002)

Barry Kernfeld (Ed.): The New Grove Dictionary of Jazz, Second Edition. 3 Bände. EURO 650,-/3300 Seiten. Macmillan, London 2001. Bezug über: Akademischer Lexikadienst, Rosenstr. 12/13, D-48143 Münster; Tel.: 0049-251-482 27-0.
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