"Beitrag der Schweiz zum Holocaust"

22. März 2002, 19:33
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"Die Politik unserer Behörden hat dazu beigetragen, das grausamste Ziel der Nazis zu verwirklichen - den Holocaust." So lautet unmissverständlich das Urteil des Schweizer Historikers Jean-François Bergier, der als Vorsitzender der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg am Freitag in Bern den Schlussbericht zur Kooperation zwischen der Schweiz und Nazideutschland vorgestellt hat (siehe Kasten).

Zwar muss die Geschichte nicht völlig umgeschrieben werden, und den Hauptvorwurf an die Adresse der Schweiz entkräftet die Bergier-Kommission: Es lasse sich nicht nachweisen, dass die Kooperation mit Hitlerdeutschland den Krieg verlängert habe.

Intensiver Handel

Bergier und seine Experten weisen aber nach, dass die Schweiz weit mehr als bisher bekannt und vor allem mehr als nötig mit den Nazis kooperiert habe. Insbesondere kritisieren die Experten mit Nachdruck die restriktive Flüchtlingspolitik, den intensiven Rüstungs-, Gold- und anderen Handel der Schweizer Wirtschaft mit der deutschen Industrie sowie den Umgang mit den Vermögenswerten von Nazi-Opfern. Die Schweizer Banken und Versicherungen hätten es nach dem Krieg versäumt, den Anspruchsberechtigten ihre Werte zu restituieren. Dies führte zur Entstehung von nachrichtenlosen Vermögen auf Schweizer Konten und bewirkte letztlich, dass der Jüdische Weltkongress und andere Organisationen in den Neunzigerjahren mit zunehmendem Druck auf die Schweiz eine gründliche Untersuchung durchsetzen konnten.

"Zwischen Wissen, Wissenwollen und Handeln besteht eine erhebliche Kluft", heißt es in dem Bericht bezogen auf die Judenverfolgung im Dritten Reich. Es sei zu hoffen, dass diese Kluft künftig kleiner werde und dass die heutigen Politiker ihre Verantwortung besser wahrnähmen. In diese Richtung zielt auch die Reaktion des Schweizer Bundesrats: Er sei "überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte uns unserer Verpflichtung gegenüber den Opfern von heute bewusst werden lässt und Anstoß für unser Tun sein kann", heißt es in der Stellungnahme des Bundesrates. Die Regierung hoffe nun auf eine breite Diskussion im Volk und insbesondere auch in den Schulen.

Weltkongress lobt

In einer ersten Reaktion lobte auch der Jüdische Weltkongress die umfassende Aufklärung der Schweizer Vergangenheit: "Es ist sehr wichtig, dass dieser Prozess der Wahrheitsfindung stattgefunden hat", sagte Generalsekretär Israel Singer im Schweizer Rundfunk. "Man sollte jemanden nach dem beurteilen, was er jetzt tut, und nicht nach dem, was seine Vorfahren getan oder unterlassen haben."

Bereits im Jahr 1998 schlossen die Schweizer Großbanken einen Vergleich mit jüdischen Sammelklägern ab und zahlten 1,25 Milliarden Dollar an Holocaust-Opfer. Privatwirtschaft und Nationalbank richteten weitere 300 Millionen Franken (200 Millionen Euro) an bedürftige Holocaust-Überlebende und ihre Nachfahren insbesondere in Mittel- und Osteuropa aus. Auf Schweizer Bankkonten wurde mit viel Aufwand nach nachrichtenlosen Vermögen geforscht und diese, soweit möglich, den Berechtigten zurückerstattet. Und schließlich beschloss das Schweizer Parlament - ebenfalls am Freitag -, dass eine so genannte Solidaritätsstiftung mit 200 Millionen Franken eingerichtet werden soll.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 3. 2002)

Eine harte Asylpolitik und Verstöße gegen die Neutralität haben die Schweiz zu einer Drehscheibe für die Finanzoperationen Nazideutschlands gemacht, hat die Regierungskommission des Historikers Jean-François Bergier in ihrem abschließenden Bericht festgestellt.
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