"Cyborg verspricht mehr als Mensch"

23. März 2002, 09:01
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Forscher schließt sich mit Computer kurz - und fühlt sich ihm bald wie ein "siamesischer Zwilling" verbunden

Reading/Wien - "Ein Mensch zu sein, war schon in Ordnung und hat mir auch einigen Spaß gemacht", erklärt Kevin Warwick, "aber ein Cyborg zu sein" - ein Mischwesen aus Mensch und Maschine -, "verspricht viel mehr": Der Mann hat sich einen Chip implantieren lassen, der sein Nervensystem in Kommunikation mit einem Computer bringen soll. "Er fühlt sich wohl", berichtet seine Mitarbeiterin Emma Darby dem STANDARD, "es tut ihm nicht weh."

Warwick ist Kybernetiker an der University of Reading und hat sich schon einmal, 1998, in den linken Unterarm einen Chip einpflanzen lassen, der über Radiowellen mit einem Computer verbunden war. Der sorgte dafür, dass die Türen im Labor sich öffneten und das Licht anging, wenn Warwick sich näherte.

Siamesischer Zwilling

Bald fühlte er sich dem Computer wie ein "siamesischer Zwilling" verbunden - "nicht einer, aber auch nicht getrennt" - und beim Ende des Experiments nach neun Tagen trauerte er, als habe er "einen Freund verloren". Nun sucht er eine innigere Beziehung, der neue Chip soll mit hundert haardünnen Sensoren die Erregung eines zentralen Nervs im Handgelenk abgreifen.

Zunächst soll er die Signale registrieren, die beim Bewegen der Finger durch den Nerv laufen. Der Computer soll die Signale erlernen und zurückspielen - bewegen sich die Finger, könnte man an Implantate für Querschnittsgelähmte denken. Dann sollen auch jene Signale abgeleitet werden, die sich beim Konsum von Drogen und Medikamenten zeigen - via Computer wären sie ganz ohne Chemie einspielbar.

Aber Warwicks Fantasie bleibt bei der Medizin nicht stehen, er will auch seine Emotionen aus seinen Nerven ableiten und vom Computer bearbeiten lassen. Wird er darüber nicht verrückt - er hat die Sorge durchaus -, soll an der nächsten Runde seine Frau teilnehmen. Dann wollen die beiden zunächst ihre Emotionen über Computer austauschen und anschließend ihre gesamte Kommunikation. Das wäre ein Vorgriff auf eine "Cyborg-Gesellschaft", einen großen Mensch/Maschine-Verbund, in dem Computer nicht nur Mittel der Kommunikation sind, sondern auch an ihr teilnehmen.

Nicht alle teilen Warwicks Euphorie, einige Forscher bezweifeln, dass die Sensoren beim heutigen technischen Stand überhaupt fein genug sind, um Nervensignale aufzufangen. Andere urteilen härter, Warwicks Unternehmen habe weniger mit Forschung und mehr mit Unterhaltungsindustrie zu tun. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 3. 2002)

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