Von "Anakonda" zur "Operation Hydra"

22. März 2002, 19:32
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Zweifel nach dem Ende der blutigen Militäroperation gegen Al-Qa'ida in Afghanistan

Peschawar - In Tora Bora waren sie nicht. Auch die eben abgeschlossene aufwändige militärische "Operation Anakonda" hat sie nicht zu Tage gefördert, weder tot noch lebendig. Und bei den auf dem US-Stützpunkt Guantánamo inhaftierten Al-Qa'ida-Gefangenen handelt es sich eher um Befehligte als um Befehlende: Haben sich die USA und deren Alliierte im Kampf gegen Osama Bin Laden und die Al-Qa'ida-Führung verschätzt?

Als "absoluten und uneingeschränkten Erfolg" bezeichnete Tommy Franks, der für die militärischen Operationen in Afghanistan zuständige US-General, die nun abgeschlossene "Operation Anakonda". Hunderte von Al-Qa'ida-Kämpfern, sagte der General, seien getötet worden. Zudem habe Al-Qa'ida eine wichtige Basis verloren, die zur Planung von weltweiten Terrorakten geeignet gewesen sei und von der aus die afghanische Regierung in Kabul hätte destabilisiert werden können.

Anderer Meinung waren einige afghanische Kommandeure, die mit ihren Truppen an der Seite der Amerikaner im Shah-i-Kot-Tal gekämpft hatten. Die in Peschawar erscheinende Zeitung Frontier Post zitierte diese Woche den erfahrenen afghanischen Kommandeur Abdul Wali Zardran mit den Worten: "Die Amerikaner hören auf niemanden. Sie tun, was sie wollen. Die meisten Gegner konnten entkommen. Und das kann sicherlich nicht als Erfolg gewertet werden." Erhärtet wird diese Version durch Berichte in amerikanischen Medien, die von "nur wenigen gegnerischen Leichen" im Kampfgebiet berichteten.

Selbst wenn die Amerikaner ihren militärischen Erfolg in Shah-i-Kot schöngeredet haben sollten: Geht es um die Gefahr, die Al-Qa'ida auch in Zukunft darstellt, fällt ihr Urteil sehr viel nüchterner aus. Er glaube, so sagte General Franks, die Al-Qaida-Kämpfer würden sich neu formieren, und künftige militärische US-Aktivitäten in Afghanistan könnten durchaus dem Ausmaß der "Operation Anakonda" entsprechen. 17 Tage dauerten die Kämpfe im Tal von Shah-i-Kot. Seit Beginn des Afghanistankriegs war dies die größte militärische Operation der amerikanischen Truppen. Und auch die bisher verlustreichste für die USA: 15 amerikanische Soldaten und afghanische Verbündete sind dort gefallen. Noch in der Nacht zu Freitag haben US-Truppen in dem Tal nach eigenen Angaben ein Waffenlager der Taliban zerstört.

Doch weder Osama Bin Laden noch Mullah Omar wurden bisher getötet oder gefangen. Selbst Washington glaubt nicht daran, dass der Al-Qa'ida das Rückgrat schon gebrochen wurde. FBI-Chef Robert Muller warnte diese Woche: "Al-Qa'ida-Zellen haben sich in Südostasien eingenistet". Und er sprach von der militanten Gruppe "Jemaah Islamiyah", die einerseits Verbindungen zu Al-Qa'ida habe und andererseits über Zellen in Singapur, Malaysia und Indonesien verfüge. Und der nationale Geheimdienstchef George J. Tenet sang vom gleichen Hymnenblatt, als er seine Landsleute vor weiteren Attacken warnte, obwohl in insgesamt 70 Ländern bereits 1300 verdächtigte Al-Qa'ida-Anhänger festgenommen worden sind. Anakonda (Eunectes) ist eine eigentlich in Südamerika heimische Riesenschlange. Vielleicht wäre "Operation Hydra" der treffendere Name für den Kampf gegen Al-Qa'ida. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 23/24. 3. 2002)

STANDARD- Korrespondent Peter Isenegger
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