"Die Armut ist eine Zeitbombe"

22. März 2002, 21:45
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Verabschiedung des "Monterrey-Konsens" beendet UN-Entwicklungsgipfel

Monterrey - In Monterrey gab es in den vergangenen Tagen zweierlei Konsens: einen, der Spitzenpolitiker aus 190 Staaten am Freitag als Beschlussantrag vorlag und der die Zahl der Armen in der Welt bis 2015 halbieren soll. Und einen anderen unter den Vertretern von Entwicklungsländern und Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die erstere Übereinkunft übereinstimmend als zu lasch kritisierten.

Vier Tage lang war bei der UN-Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung in Mexiko über das bereits feststehende Schlussdokument debattiert worden. Im Kampfanzug kritisierte etwa Kubas Fidel Castro das Papier als "erniedrigend und interventionistisch". "Wir sollen uns mit Almosen begnügen", sagte er und warf vor allem den USA "Raubkapitalismus" vor. Diese hatten angekündigt, ihre Entwicklungshilfe an Transparenz, Demokratie, Effizienz und liberale Wirtschaftspolitik knüpfen zu wollen.

Nach seinem Auftritt reiste Castro überstürzt ab - US-Präsident George W. Bush war im Anflug. Später ließ er verkündeten, dass Kuba das Abschlusspapier nicht unterschreiben werde. Der venezolanische Präsident Hugo Chávez forderte, den Worten endlich auch Taten folgen zu lassen. Die Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds (IWF) seien "tödliches Gift". Der argentinische Präsident Eduardo Duhalde, dessen Land dringend IWF-Kredite benötigt und harte Auflagen erfüllen muss, betonte, er wolle "kein Mitleid", sondern weniger Protektionismus der Industrieländer.

Zwar herrschte auf dem Gipfel weitgehend Einigkeit - vom Finanzjongleur George Soros über den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter bis hin zum Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Horst Köhler - über die Dringlichkeit der Armutsbekämpfung und die Notwendigkeit weiterer Mittel. Doch originelle Vorschläge wie etwa der Finnlands, hierfür eine weltweite Lotterie einzuführen, waren selten. Stattdessen war die Vision der USA weit verbreitet, dass Armutsbekämpfung auch Bekämpfung des Terrorismus sei. Die Weltwirtschaft funktioniere nur, wenn die Globalisierung allen nutze. "Armut ist eine Zeitbombe", sagte Weltbankdirektor Mike Moore.

Die NGOs bemängelten, dass das von der UNO vorgegebene Ziel, 0,7 Prozent des BIP eines jeden Industrielandes für die Entwicklungshilfe aufzuwenden, in weiter Ferne bleibe. Die EU will zwar künftig pro Jahr sieben Mrd., die USA zehn Mrd. Dollar mehr für Entwicklungshilfe aufwenden. UN-Generalsekretär Kofi Annan hatte aber gefordert, die Summe auf 100 Milliarden zu verdoppeln. Damit will er den Anteil der Weltbevölkerung, der mit weniger als einem Dollar pro Tag überleben muss, halbieren, die Kindersterblichkeit um zwei Drittel verringern und allen Kindern den Besuch einer Grundschule ermöglichen. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 23/24. 3. 2002)

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