Erinnerungen an die Hindenburg

23. März 2002, 22:22
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Eduard Boetius war ihr letzter Steuermann: "Eigentlich hätte ich sterben müssen" - mit Video

Rendsburg - Am 6. Mai 1937 explodierte in Lakehurst im US-Staat New Jersey das deutsche Luftschiff "Hindenburg". Die Katastrophe brachte 35 Menschen den Tod und beendete mit einem Schlag die Passagierluftschifffahrt. Im März 2002 hält der 92 Jahre alte Eduard Boetius im beschaulichen Städtchen Rendsburg in Schleswig-Holstein noch einmal ein Wrackteil der "Hindenburg" in den Händen und berichtet von dem Unglück, das er als Dritter Offizier und Steuermann miterlebte. 65 Jahre nach der Explosion interessiert sich Hollywood für seine Geschichte.

"Eigentlich hätte ich sterben müssen"

"Eigentlich hätte ich sterben müssen", sagte der Veteran, der sich mit einem Sprung aus einem Fenster rettete. Sterben, so wie sein Kamerad Ludwig Felber, an dessen Stelle Boetius zufällig am Höhenruder stand. Boetius lief noch ein paar Mal zurück zum Wrack und versuchte zu retten. Wie viele Menschen er aus den Flammen holte, weiß er nicht.

Während er erzählt, steht sein 62-jähriger Sohn Henning neben ihm und schaut auf eine Tasse vom Bordservice der "Hindenburg". Der Sohn hat mit dem Roman "Phönix aus der Asche" das Leben des Vaters literarisch verarbeitet. "Du hast mir mein Leben noch einmal geschenkt", freut sich der Vater. Jetzt haben die Universal-Studios in Hollywood bereits 200.000 Dollar (226.912 Euro) für die Filmrechte an dem Buch gezahlt. Wenn tatsächlich ein Film nach dem Buch entsteht, würden sogar über 1,2 Millionen Dollar (1,361 Mill. Euro) fällig, berichtet Boetius' Sohn.

Werdegang

Eigentlich hatte sich der spätere Luftschiffer Eduard Boetius zunächst für das Wasser entschieden. Auf der Nordseeinsel Föhr geboren, zog es ihn zur See. Sechs Mal umsegelte er Kap Hoorn. Die Bedingungen auf den Frachtseglern veranlassten ihn zum Wechsel in die Luftfahrt. Der Seemann absolvierte eine Navigationsausbildung.

1936 ging Boetius erstmals an Bord der "Hindenburg". "Bei der Olympiade 1936 kreisten wir über Berlin", erinnert er sich. Es folgten Reisen nach Nord- und Südamerika. Eine Fahrt über den Atlantik dauerte 50 bis 80 Stunden. "Die Passage kostete 1.100 Reichsmark" sagt der alte Fahrensmann.

Der Tag, der alles änderte

Am 6. Mai, kurz vor der Insel Long Island vor New York, übernahm Boetius um 12.00 Uhr die Navigation des Luftschiffs. "Aus 250 Metern Höhe konnte ich gut sehen, wie in New York die Leute aus ihren Häusern kamen und uns bejubelten", erinnert er sich. Seine Wache war schon vorbei, aber auf Grund von Turbulenzen übernahm er als erfahrener Mann das Höhenruder. Das Luftschiff wurde Richtung Lakehurst gesteuert.

Als er das Schiff herunterfuhr, geschah es. "Ich nahm die Explosion als Ruck wahr", erzählt er. "Im selben Augenblick brannte es." 32 lange Sekunden behielt Eduard Boetius die Nerven. Wäre er zu früh aus dem Fenster gesprungen, hätte dies seinen Tod bedeutet. So wartete er den richtigen Zeitpunkt ab. Boetius war einer von 62 Überlebenden der Katastrophe.

Das Leben danach

Danach fuhr er wieder zur See, mal als Muschelfischer, mal als Walfänger, wurde später Kapitän und arbeitete bis zur Rente für eine norddeutsche Reederei. Drei Mal noch kam er bei Schiffsunfällen nur knapp mit dem Leben davon. "Ich glaube nicht an Schicksal und an Fügungen, mein Leben besteht aus Zufällen" sagt Boetius. (APA)

Henning Boetius: "Phönix aus der Asche" (btb/Goldmann, 22,50 Euro)

Das Video vom Absturz
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