Spekulationen über den nächsten Papst

23. März 2002, 21:34
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Zu den aussichtsreichsten Kandidaten zählen insbesondere italienische Würdenträger

Der regierende Papst leidet schwer an Parkinson. Aber sein Herz ist stark, sein Wille mächtig. Er kann noch Jahre am Leben bleiben, möglich ist auch ein plötzlicher Kollaps. Grund genug, dass immer häufiger Spekulationen über die Nachfolge und damit über das Wohin der Kirche auftauchen.

Der Papst aus Polen hat mit seinem Beitrag zur Überwindung des Kommunismus eine historische Mission erfüllt. Auf den nächsten Bischof von Rom kommen andere Aufgaben zu - zum Beispiel die Erneuerung der Kirche in den konsumorientierten Industriestaaten und die Auseinandersetzung mit anderen Weltreligionen, vor allem mit dem Islam.

Zwei besonders profilierte Kardinäle, der Deutsche Joseph Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation in Rom, und der Italiener Car- lo Maria Martini, Erzbischof von Mailand, sind heuer 75 Jahre alt und wollen als Kandidaten nicht zur Verfügung stehen.

Als italienischer Favorit im Papst-Toto gilt derzeit Dionigi Tettamanzi (geboren 1934). Er trat als Moraltheologe und Sekretär der Italienischen Bischofskonferenz hervor, seit 1995 ist er Erzbischof von Genua. Er ließ sowohl für das Opus Dei als auch für die Anliegen der Globalisierungskritiker Sympathien erkennen. In den Favoritenkreis ist zuletzt auch Severino Poletto (geboren 1933), der Erzbischof von Turin, ein Arbeiterpriester, aufgestiegen.

Weniger Chancen gibt man Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano (geboren 1927), denn aus diesem Amt wurde seit Jahrhunderten nur Eugenio Pacelli (Pius XII., 1939-1958) gewählt, und das hatte konkrete historische Gründe. Ähnliches gilt für Giovanni Battista Re (geboren 1934), den als sehr anpassungsfähig geltenden Präfekten der Kongregation für die Bischöfe und früheren Substituten im Staatssekretariat.

Außerhalb Italiens stehen auf der Liste der Papabili zwei Belgier hoch oben. Godfried Danneels (geboren 1933), Erzbischof von Mechelen-Brüssel, traut man neben Martini am ehesten einen gemäßigten Reformkurs zu. Er hat selbst erklärt, vor dem Papstamt keine Angst zu haben. Für Jan Pieter Schotte (geboren 1928), den langjährigen Generalsekretär der Bischofssynode und Präsidenten des Arbeitsbüros des Heiligen Stuhls, spricht, dass er sechs Sprachen fließend spricht, Bekanntheit und Ansehen besitzt; gegen ihn, dass er aus der Kurie kommt und nur als Manager, nie als Seelsorger von sich reden gemacht hat.

Ein Papst aus dem deutschen Sprachraum ist fast ebenso unwahrscheinlich wie einer aus dem englischen. Genauso wie Joseph Ratzinger ist auch Karl Lehmann (geboren 1936), der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, vom Papst lange Zeit nicht zum Kardinal ernannt, kein Kandidat. Als Geheimtipp gilt hingegen Walter Kasper (geboren 1933), der für Reformen offene Präsident des Rates für die Einheit der Christen.

Am häufigsten wird von den deutschsprachigen Kardinälen ein Österreicher papabile genannt: Christoph Schönborn (geboren 1945), Erzbischof von Wien und Dominikaner. Als Sekretär im Redaktionskomitee für den Weltkatechismus hat er internationales Ansehen erworben, sein Handicap ist sein Alter.

Die Hälfte aller Katholiken lebt in Lateinamerika, das gibt auch den dortigen Kardinälen Gewicht. Neben den konservativen Kolumbianern Dario Castrillon Hoyos (geboren 1929), Präfekt der Kleruskongregation, und Alfonso López Trujillo (geboren 1935), Präsident des Päpstlichen Rates für die Familie, gibt es auch aufgeschlossenere Kandidaten: Oscar Andres Rodríguez Maradiaga (geboren 1942), Erzbischof von Tegucigalpa (Honduras), zum Beispiel, ein polyglotter, charismatischer Salesianer. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.3.2002)

Von Heiner Boberski
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