Persönliche Standortbestimmung

29. März 2002, 13:05
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Das Aufstellen von Organisationen zählt zu den neuesten Methoden, um Schwachpunkte innerhalb eines Teams aufzudecken - und Lösungen zu finden. Allein im Rollenspiel offenbaren sich klar die Verhältnisse.

Seitdem der Psychotherapeut Bert Hellinger mit seinen Therapiemethoden die Psychoszene in Befürworter und Ablehner spaltet, wird auch in der Berufswelt mit Aufstellungen gearbeitet. Die Teilnehmer wollen dadurch die Wirkungen ihrer Position innerhalb einer Unternehmensstruktur und im unmittelbaren Arbeitsumfeld erspüren.

Die Methode verspricht, dass dabei unbewusstes Wissen zum Zuge kommt, das der objektiven Wahrheit zumindest sehr nahe kommt. Mitunter sollen strukturelle Konstellationen bei Aufstellungen schon so glasklar herausgearbeitet worden sein, dass sie spiegelbildlich die Arbeitsplatzsituation einzelner Teilnehmer aufzeigten. Organisationsaufstellungen helfen weiter, wenn störende Wechselbeziehungen innerhalb eines Teams aufzuarbeiten sind, auch solche, die nicht bewusst sind.

Reihum darf jeder der Seminarteilnehmer einmal aufstellen, wie er sein Team sieht. Er wählt einen Teilnehmer aus, der seinen Standort einnimmt. Dann beschreibt der Stellvertreter, wie er sich fühlt: beklemmt, akzeptiert, angenommen oder abgelehnt. Die anderen bringen ihre momentanen Gefühle ein, die in der betrieblichen Praxis so gut wie nie artikuliert werden. Und der Klient, um den es geht, sitzt als Zuschauer wie in einer Theateraufführung und erlebt das Psychodrama aus der Nähe, doch auch in der Distanz der Verfremdung, einfühlsam moderiert durch den Aufstellungscoach.

So kann er leichter Konflikte und deren Auswirkungen auf sich erkennen. Anschließend helfen alle Teilnehmer-Darsteller mit, Lösungen zu finden, damit der Klient ein neues Verhältnis zu seinen Kollegen aufbauen kann. Sie können dabei oft ungewöhnlich treffsichere Ratschläge geben und Gedanken äußern, weil sie in der Aufstellung intuitiv erfasst haben, worum es geht. Abstrakte Probleme werden dadurch materialisiert und fassbar. Auf diese Weise lassen sich alte, festgefahrene und blockierende Muster auflösen, die Symptome verschwinden, die Chance zum Neuanfang besteht. Kein Abrakadabra, sondern Biografie-Arbeit vor der Folie transparent gewordener Strukturen.

Die Organisationsaufstellung hat neben allerlei nützlichen Nebeneffekten (etwa Selbsterkenntnis aufgrund der Einschätzung anderer) das Ziel, die zwischenmenschliche Ordnung wiederherzustellen. Diese Ordnung verlangt, dass Getrenntes zusammengeführt wird, dass jeder Mensch einen Platz erhält, ein Thema im Beruf, eine Aufgabe. So stellt sich Zufriedenheit ein.

Wobei es nicht um gut oder böse geht, um autoritäre Chefs und intrigante Kollegen, sondern um die Aktivierung des Gewissens als Gleichgewichtsorgan der Seele. Lösungen, so Hellinger, lassen sich nur herbeiführen, wenn wir eine Art "höheres Gewissen zulassen, das in Aufstellungen mit wildfremden Personen zum Zuge kommt, verdeckte Wirklichkeit ans Licht bringt und das Eingebundensein in Größeres als nur das eigene Ich klarstellt". Weil das an die Substanz geht, muss das Setting sehr gut vorbereitet werden.


Trittbrettfahrer

Immer wieder gibt es Trittbrettfahrer des Booms, die als Aufsteller weder eine fundierte Ausbildung noch Erfahrung vorweisen können. Oft behandeln sie, nachdem sie ein bisschen bei Hellinger nachgelesen haben, berufliche Probleme wie familiäre Konflikte - ein Fehler, der Schaden anrichten kann. Organisationsaufstellungen sollten ausschließlich in der Arbeitswelt verankert sein. Fragwürdig ist auch, real existierende Arbeitsteams aufstellen zu lassen. Da werden oft alte Rechnungen aufgemacht und es geht vor allem gegen jene, die in der Hierarchie höher angesiedelt sind.

Besser ist Objektivität durch "wildfremde Personen", wie Hellinger sagt, die genaue Umstände nicht kennen, aber sich einspüren und spontan reagieren. Der Psychologe spricht von einem erfreulichen Trend, vielen kann geholfen werden, wie Rückmeldungen zeigen, ihre Arbeit auf eine neue Grundlage zu stellen. (Der Standard, Printausgabe, Roland Mischke)

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