Agatha Christies Romane haben Leben gerettet

24. März 2002, 19:30
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Die Giftdarstellungen der Grande Dame des Krimis erreichten fast Lehrbuchniveau

Berlin - Medizin- und Chemiestudenten sollten häufiger die Romane von Agatha Christie lesen. Denn die Werke der britischen Krimilegende sind für diese Fachbereiche zugleich Wörterbücher von hoher Genauigkeit. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Berliner Rechtsmediziner Volkmar Schneider und Benno Rießelmann.

Demnach erreicht die Darstellung der Wirkung von Giften in Christies Krimis fast Lehrbuchniveau. Die Krankheitssymptome beschreibe die Autorin medizinisch derart einwandfrei, dass ihre Romane keineswegs nur als Unterhaltungsliteratur angesehen werden könnten, sondern tatsächlich profunde Fachkenntnisse vermittelten.

Wissen aus der Apotheke

Die 1890 geborene Schriftstellerin hatte als junge Frau in einer Apotheke gearbeitet und sich dort das Wissen über jene unheilvollen Substanzen angeeignet, die sie später in ihren Büchern verarbeitete. Dass Gift für Christie nicht einfach ein zufällig ausgewähltes Mittel war, um ihre literarischen Personen aus dem Weg zu räumen, macht allein die Zahl der Bücher deutlich, in denen es um entsprechende Morde ging: In insgesamt 41 Romanen spielen Stoffe wie Chlor, Arsen, Nikotin, Morphin, Thallium, Strychnin, Salz-, Blau- und Oxalsäure eine tödliche Rolle.

Erstaunliche Präzision

Die Vielfalt der Chemikalien geht dabei nicht zu Lasten einer erstaunlichen Präzision bei der Beschreibung ihrer Wirkungen, wie die beiden Wissenschaftler betonen. Beeindruckt zeigten sie sich auch von der "hervorragenden Darstellung der häufigen Fehleinschätzungen" im Umgang mit Giften, vor denen selbst Spezialisten nicht gefeit seien. Schneider und Rießelmann verweisen dabei besonders auf den 1961 erstmals veröffentlichten Roman "Das fahle Pferd", in dem eine Thallium-Vergiftung von einem Arzt falsch diagnostiziert wurde.

In der Tat seien die äußeren Merkmale kaum von einer Grippe zu unterscheiden, erklären die beiden Rechtsmediziner. Brechreiz und Durchfall sowie im späteren Verlauf Muskelschmerzen und Schlafstörungen ließen keinen Verdacht zu. Erst der in einem späteren Stadium einsetzende Haarausfall und die Streifen auf den Fingernägeln könnten auf eine andere Erkrankung schließen lassen - doch dann sei es bereits zu spät.

Lebensrettung

Nach Angaben der Mediziner rettete "Das fahle Pferd" 1977, also ein Jahr nach Christies Tod, einem 19 Monate alten Kind in England sogar das Leben: Der kleine Patient war mit mysteriösem Krankheitsverlauf in eine Londoner Klinik eingeliefert worden. Die Ratlosigkeit der Ärzte ging nach den Worten der Berliner Wissenschaftler mit der Gewissheit einher, dass das Kind bald sterben würde, wenn nicht schnellstens die Ursache der Erkrankung ermittelt werden könnte.

Die Rettung kam laut Schneider und Rießelmann in Gestalt einer lesefreudigen Krankenschwester, die die Symptome mit den Beschreibungen ihrer Lieblingsautorin Christie verknüpfte und dadurch den entscheidenden Hinweis gab. Mit weiterer Unterstützung eines verurteilten Giftmörders habe dann die treffende Diagnose gestellt und das Kind gerettet werden können. Die Ergebnisse der Studie sollen in Kürze von der Gesellschaft für toxikologische und forensische Chemie im Verlag Dr. Dieter Helm veröffentlicht werden. (APA/AP)

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