Wagner: "ein in seiner Person unangenehm radikaler Mensch"

22. März 2002, 15:17
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... und Parsifal "ein Weichei" - Peter Stein ließ die Gedanken schweifen

Salzburg - Wagner sei ein in seiner Aussage verschwommener und in seiner Person unangenehm radikaler Mensch, dessen Sprache schwer erträglich sei. Das sagte Peter Stein, der die Wagner-Oper "Parsifal" für die Salzburger Osterfestspiele inszeniert hat, im Rahmen des diesjährigen Ostersymposions. Diese Veranstaltung trägt heuer den Titel "Kundry & Elektra und ihre leidenden Schwestern" und wurde von den Osterfestspielen, der Salzburg Association, der Leopold Kohr- Akademie, der Universität Salzburg und der Universität Mozarteum organisiert.

Abgeschweift

Stein ging auf das eigentliche Thema des Gesprächs und des gesamten Kongresses - die Frauenfiguren bei Wagner unter dem Gesichtspunkt der Gleichberechtigung - kaum ein. "Man möge den Männern nicht immer alles in die Schuhe schieben - auch Männer leiden, es interessiert mich nicht, tagespolitische Themen in Opernfiguren hinein zu interpretieren," sagte Stein nicht ohne Augenzwinkern. Problematisch sei aber, Figuren nur unter einem Aspekt zu betrachten, weil so der Blick auf die Gesamtheit einer Figur verloren gehe, sagte der Regisseur, dessen scharfzüngige Hiebe auf Emanzipation, Wagner und dessen Werke aber auch gegen sich selbst nicht ohne Ironie zu verstehen waren.

"Parsifal ist ein Weichei, Kundry ist manchmal ein Mannweib, manchmal eine Nutte. Mich fasziniert vor allem, dass sie im Angesicht von Jesus Christus am Kreuz laut Wagnerscher Mythologie einen Lachanfall bekommen hat. Ich mache Wagner-Opern nur deshalb, weil die Musik grandios ist und weil die Arbeitsbedingungen bei den Osterfestspielen und mit Claudio Abbado außergewöhnlich gut sind", so der ehemalige Leiter des Schauspiels bei den Salzburger Festspielen. Zudem gebe es kein Publikum in ganz Europa, von dem er so häufig gebeten worden sei, zu bleiben oder zurück zu kommen, sagte Stein.

Was der Autor wollte

Kritik übte Stein an "allzu modernistisch interpretierten" Opern-Inszenierungen. Szenische Überinterpretationen würden häufig der Musik schaden. Ihn interessiere herauszufinden, was der Autor wirklich wollte, "auch wenn es mir nicht gefällt, wie er denkt und was er zu sagen hat. Ich will die Welt verstehen, indem ich mich großen Kunstwerken stelle," sagte Stein für den das Inszenieren etwa einer Wagneroper mit Requisiten des 20. Jahrhunderts, wie Autos, Fernsehner oder Maschinengewehren einer "lächerlichen Vergewaltigung des Autors" gleichkommt. Dennoch, Stein betont auch die Gemeinsamkeiten zwischen ihm selbst und Wagner: "Beide sind wir Menschen, die ihr eigenes Ego mit den Mitteln der Theatralik in den Kosmos ausbreiten wollen."

Die Premiere von "Parsifal" bei den Salzburger Osterfestspielen findet morgen, Samstag, im Großen Festspielhaus statt. Am Pult steht Claudio Abbado, er dirigiert die Berliner Philharmoniker. Das Bühnenbild stammt von Gianni Dessi, in den Hauptrollen singen Albert Dohmen (Amfortas), Markus Hollop (Titurel), Hans Tschammer (Grunemanz), Thomas Moser (Parsifal), Eike Wilm Schulte (Klingsor) und Violeta Urmana (Kundry). (APA)

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