Schweizer spielten bei "Arisierung" jüdischen Besitzes in Österreich eine Rolle

22. März 2002, 12:14
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Unterschiedliche Einzelfälle zeigen gewisses Muster - Jedoch keine generelle These der Beteiligung von den Bergier-Forschern formuliert

Bern - Bei der "Arisierung" jüdischen Besitzes durch die Nazis in Österreich spielten auch Schweizer eine Rolle. Sie nützten nach Erkenntnis der Bergier-Forscher ihren Spielraum höchst unterschiedlich aus. Der Raubzug des Nazi-Regimes auf jüdische Besitztümer begann in Österreich schlagartig nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitlers "Drittes Reich" im März 1938. Im Zuge der "Arisisierung" wurde auch in Österreich den Juden innerhalb kürzester Zeit große Vermögenswerte entzogen.

Betroffen von den Vorgängen im Nachbarland waren die Schweizer Behörden vor allem in Fällen, in denen es um den diplomatischen Schutz von Schweizer Staatsangehörigen jüdischer Abstammung und ihrem Eigentum ging sowie beim Clearing im Warenverkehr.

Diplomatische Schwierigkeiten sollten vermieden werden

Der Schweizer Generalkonsul in Wien, Walter von Burg, nutzte den vorhandenen Spielraum, wie die Studie "Arisierungen in Österreich und ihre Bezüge zur Schweiz" zeigt. Dank seiner Beharrlichkeit erreichte er in manchen Fällen Verbesserungen für Juden mit Schweizerpass, die sich unter Druck der Nazis von ihrem Besitz trennen mussten. Diese Leistungen sind umso beachtlicher, als der Gesandte in Berlin, kaum Unterstützung bot und von Burg in Wien oft nur bluffen konnte. Die Forscher führen dieses Zurückweichen auf den Wunsch der deutschen Behörden zurück, 1938/39 auf dem internationalen Parkett nicht als Rechtsbrecher aufzufallen.

Ähnlich konziliant verhielt sich Hitler-Deutschland, wenn Schweizer Gerichte die Forderungen von Juden in Österreich gegenüber Ansprüchen der von den Nazis eingesetzten Verwaltern schützten. Auch hier sollten offenbar diplomatische Schwierigkeiten vermieden werden.

Die Rolle der Verrechnungsstelle

Wenig sensibel gegenüber den Juden zeigte sich die Schweizerische Verrechnungsstelle. Um die Geschäfte mit dem Reich nicht zu beeinträchtigen, setzten sie durch, dass die gegenüber Schweizer Schuldnern bestehenden Forderungen an die neuen "Herren" und nicht an die ursprünglichen jüdischen Eigentümer im Exil überwiesen wurden.

Generelle Thesen zur Beteiligung von Schweizern an "Arisierungen" in Österreich wollen die Forscher auf Grund der unterschiedlichen Einzelfälle nicht formulieren. Trotzdem zeigen die Quellen, dass es gewisse Muster gab, die auch beim Raubzug innerhalb von Deutschland deutlich waren.

Nach Angaben der Forscher gibt es Hinweise, dass die Banken primär ihre ausstehenden Forderungen sicherstellen wollten und kaum Rücksicht darauf nahmen, dass ihre Schuldner vertrieben, verhaftet und enteignet wurden. Zudem lehnten sie es ab, die Forderungen der kommissarischen Verwalter "arisierter" Unternehmen konsequent zu ignorieren, da sie ihre Geschäfte in Deutschland nicht gefährden wollten.

Handlungsspielraum für die Verfolgten erweiterbar

Hinweise fanden die Historiker in den Quellen, dass Schweizer Finanzgesellschaften den Handlungsspielraum für die Verfolgten erweitern konnten. Vermögenstransfers ins Ausland konnten manchmal verschleiert und so dem Zugriff der Nazis entzogen werden.

Tochtergesellschaften von Schweizer Unternehmen, sofern sie auf Grund der Eigentumsverhältnisse oder aus personellen Gründen als "jüdisch" galten, konnten sich der "Arisierung" nicht entziehen. (APA/sda)

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