"Die Politik der Behörden hat zum grausamen Ziel Holocaust beigetragen"

22. März 2002, 11:37
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So der Bericht der unabhängigen Bergier-Kommission, die seit 1996 die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg untersuchte

Bern - Die Schweiz hat im Zweiten Weltkrieg ihre Verantwortung in den Bereichen Flüchtlingspolitik, Zusammenarbeit mit den Achsenmächten und Rückerstattung nur unzulänglich wahrgenommen. Dies geht aus dem Schlussbericht der von dem Historiker Jean-Francois Bergier geleiteten unabhängigen Expertenkommission hervor, der am Freitag in Bern veröffentlicht worden ist. Die so genannte Bergier-Kommission war 1996 vom Bundesrat (Regierung) unter anderem damit beauftragt worden, den in der Zeit der NS-Herrschaft in Deutschland in die Schweiz gelangten Vermögenswerten nachzugehen.

Wie Bergier bei der Vorstellung des Kommissionsberichts laut Redetext darlegte, wurden die damaligen Entscheidungsträger vor allem in der Flüchtlingspolitik ihrer Verantwortung zu wenig gerecht. "Eine große Zahl von Menschen, deren Leben bedroht war, wurde ohne Not abgewiesen", kommentierte Bergier die damalige äußerst restriktive Aufnahmepolitik Berns. Wohl hätte der Mut einiger Bürger und das großzügige Engagement weiter Kreise der Bevölkerung diese offizielle Politik etwas abgemildert, "aber sie konnten ihr keine andere Richtung geben". Man müsse die Behauptung aufrecht erhalten: "Die Politik unserer Behörden hat dazu beigetragen, das grausame Ziel der Nazis zu verwirklichen, den Holocaust".

Kooperation in der Wirtschaft

Auch bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Nazideutschland wurden Schweizer Politiker und Wirtschaftsführer nicht immer ihrer Verantwortung gerecht. Diese Kooperation war einerseits für die Schweiz überlebensnotwendig, andererseits politisch heikel: "Paradoxerweise bildete ein gewisser Grad an Zusammenarbeit mit der Wirtschaft der Nazis ein Element des Widerstandes gegen den Einfluss der deutschen Macht und war Teil des nationalen Verteidigungsapparates".

Einige Unternehmen seien in ihrer Zusammenarbeit allerdings zu weit gegangen, hätten Spielräume zu wenig genutzt. "In keinem Fall jedoch haben unsere Nachforschungen eine Zusammenarbeit aus ideologischen Motiven oder die geringste Sympathie für das Naziregime erkennen lassen", erklärte der Kommissionsvorsitzende Bergier.

Bisweilen die Neutralität verletzt

Bei dieser Zusammenarbeit wurde bisweilen die Neutralität verletzt. "Der so genannte Milliardenkredit, die Lieferung von Kriegsmaterial aus Bundesbeständen, die ungenügende Kontrolle des Eisenbahnverkehrs zwischen Italien und Deutschland sind die offenkundigsten Beispiele dafür", heißt es in dem Bericht.

Nach dem Krieg hätten weder die Eidgenossenschaft noch die Privaten rechtzeitig die erforderlichen Maßnahmen getroffen, um Nazi-Geschädigten oder deren Erben ihre Habe zurückzuerstatten. Dies geschah nicht aus Böswilligkeit, sondern vor allem aus Nachlässigkeit, Nichtwahrnehmung eines Problems oder der Sorge um das Bankgeheimnis. "Diese Politik hat zu dem geführt, was man als die 'nachrichtenlosen' Vermögenswerte bezeichnet". Die Forschung müsse weitergehen, forderte Bergier. Sie müsse sich auf weltweiter Ebene formieren. (APA/sda)

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    "Eine große Zahl von Menschen, deren Leben bedroht war, wurde ohne Not abgewiesen."

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