Bazooka Cain: "Here come the days of"

    7. November 2005, 15:34
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    Im Vergleich zum Debüt "Viele Grüße" sind die Sound-Cousins der Moulinettes nun musikalisch straighter unterwegs

    "Kurze Fahrt nach Rügen/
    dann den ganzen Tag am Meer/
    in der Ostseesonne liegen/
    wie lange ist das her?/
    Wir hatten Wein gekauft/
    fühlten uns wie Franzosen/
    als wir ihn tranken: Freiheitsgedanken/
    in Badehosen ..."

    Was heute auch nicht mehr allzu viele wissen: "Liebling Kreuzberg"-Knautschgesicht Manfred Krug war zu DDR-Zeiten nicht nur Schauspieler - bevor er in Ungnade fiel und in den Westen kam, wurde er zu Beginn der 70er zum verstaatlichten Chansonnier aufgebaut. Krug sang mit dünner Stimme und versteckten Spitzen swingende Easy-Listening-Stücke vom Alltag in der DDR wie "Wenn der Urlaub kommt". - Ja, und in etwa genauso hört es sich an, wenn Bazooka Cain "Hauptsache gesund" oder "Frühling im Herbst" (Eigenkompositionen, keine Covers - denk mal an) geben. Mal abgesehen davon, dass Marcel Vega die eindeutig bessere Stimme hat.

    In der Freiluftsaison rappelt's im Karton ...

    Dieser Tonträger ist definitiv zur falschen Jahreszeit rausgekommen, denn Bazooka Cain stehen für S-O-M-M-E-R. Sonne, Luftigkeit, leichte Muse und gelegentlich eine Textzeile mit Widerhaken, die sich mit boshafter Unschuld ins Gehirn schmuggelt. - Das erinnert nicht von ungefähr an die Münchner Moulinettes, als deren männliches Pendant Bazooka Cain nicht zu Unrecht oft gesehen werden. Und nicht immer zu ihrem Vorteil.

    Denn wie die Moulinettes haben Bazooka Cain es mitunter schwer, ihre Leichtfüßigkeit an den Mann und die Frau zu bringen, live zumal. Hier in Wien will das Publikum sowieso am liebsten niedergebügelt werden (bau, Gitarren! Gitarrrrren!! Rock!!!), anstatt sich auf dezenten Kaufhaus-Swing einzulassen - ist ja auch irgendwie okej. Jeder Musik ihr Biotop: und das von Bazooka Cain liegt ... nun, entweder im mitgebrachten Kofferradio am Badesee oder im 70er Jahre-Show-Medley. [Musik für die ganze Familie: "Hach, wir habens doch schön hier - nimmst du mir was aus dem Kühlschrank mit, Schatz?]

    Weine nicht am Telefon: zu viele Menschen starben schon durch einen Kurzschluss ...

    Bazooka Cain gründeten sich Mitte der 90er Jahre (das Debüt "Viele Grüße" kam 1996 heraus) und stockten sich inzwischen zum Quintett auf: Marcel Vega (Gesang), Max Knoth (an der wunderbaren Softfunk-Plätscher-Gitarre), Erich Abel (Keyboards), Matthias Pacht (Bass) und Henry Grant (Schlagzeug). Da der große Erfolg der "Vielen Grüße" leider ausgeblieben ist, sind sie auch ein wenig kleinlauter geworden. Die Debüt-CD glänzte noch mit den bombastischsten, großmäuligsten, liebenswert-gönnerhaftesten Einleitungs-Lyrics, die man sich für eine Jungsband nur wünschen kann. Kleiner Auszug: ... berückend herbalpertesk, mitunter beste alte Postkartentradition und zuweilen den aufgeklärten Geist von Heinrich Heines "Rabbi von Bacherach" atmend und somit genau das richtige für Feierabendastronauten wie mich, um sämtliche Sektkorken dieser Welt in dionysische Umlaufbahnen treten lassen zu sehen. Und nicht zuletzt: Gekonnt mediterran!.

    Jetzt, wie gesagt, gibt man sich ein klein wenig bescheidener - und auch musikalisch straighter. Keine Klamauk-Nummern wie die schwülstige Michel Polnareff-Verulkung "Bitte weine noch ein letztes Mal" mehr. Da merkt man halt, dass das Debüt zu einer Zeit herauskam, als die ironisierte deutsche Schlager-Wiederbelebung ihrem Höhepunkt zustrebte, Guildo Horn noch nicht zum Song Contest fuhr und unwahrscheinliche Geschöpfe wie die rosarote Petra Perle oder Hilde Gard durch die Szene staksten.

    Besser deine Frau weg, als ein Arm ab ...

    ... das sind so die kleinen Lebensweisheiten von nebenan, die auf "Here come the days of" unters Volk gebracht werden, transportiert von einem relativ homogenen "Blue Eyed Soul"-Sound, der stark an Edwyn Collins weniger abgeklärte Phasen ... oder gleich an Orange Juice ("Felicity", "Rip it up") erinnert. "Kurze Fahrt" oder die Single "Fürst-Pückler-Art" lassen's am stärksten anklingen. Wobei sich der musikalische Unterschied zwischen den beiden Bands am besten an der Geschichte festmachen lässt: Orange Juice waren fünf Jahre nach Punk. Bazooka Cain fünf Jahre nach der Schlagerwelle.

    "Fehlt dir was" kommt als Ausscherer im Cha Cha Cha-Rhythmus daher und lässt fast vergessen, dass es ein Georg Kreisler-Lied ist - dafür erinnert das abschließende "Allein" ein wenig an den melancholischen Schummer-Sound von Element of Crime. Das ist aber auch schon das Dunkelste, zu dem Bazooka Cain in der Lage sind. Denn wie gesagt: S-O-M-M-E-R!
    (Josefson)

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