"Superzeuge" sah angeblich die Attentäter

22. März 2002, 10:30
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Witwe appelliert an die Regierung: "Staat darf seine Diener nicht allein lassen"

Rom/Bologna - Ein "Superzeuge", der angeblich die mutmaßlichen Mörder des italienischen Regierungsberaters Marco Biagi gesehen hat, ist zu einer Schlüsselfigur der Ermittler von Bologna geworden, die nun in linksextremen Kreisen nach den Tätern fahnden. Mit Hilfe dieses Zeugen konnte nun ein Phantombild gezeichnet werden. Die Staatsanwälte von Bologna haben am Donnerstag einen Appell an weitere mögliche Zeugen gerichtet, um weitere Informationen über die Mörder des Regierungsberaters zu bekommen.

Die Ermittler fahnden auch nach den beiden Mopeds, mit denen die beiden Terroristen, die am Mittwochabend auf Biagi geschossen hatten, geflüchtet sind. Auch die zwei Kugeln, die Biagi niedergestreckt haben, werden ballistisch analysiert. Die Ermittler vermuten, dass die Waffe, die die Terroristen auch für den Anschlag auf den Arbeitsrechtsexperten Massimo D'Antona im Jahr 1999 verwendet hatten, eine Pistole des Typs Makarov ist. Es handelt sich um eine russische Pistole, die von fast allen Terrorgruppen im Nahen Osten und in den Ländern der Ex-Sowjetunion verwendet wird.

"Bleierne Jahre"

Der römische Anti-Terror-Staatsanwalt Rosario Priore ist der Ansicht, dass eine enge Verbindung zwischen den "Roten Brigaden" der 70-er Jahren und der neuen Gruppe besteht, die Biagi erschossen hat. Obwohl fast zwei Jahrzehnte seit dem Ende der so genannten "bleiernen Jahre" (anni di piombo) vergangen sind, sei immer noch ein "harter Kern" der alten Terroristen aktiv. Einige seien nach Frankreich geflüchtet und hätten mittlerweile enge Beziehungen zu neuen Anhängern des "bewaffneten Arbeiterkampfes" geknüpft, meinte Priore.

Diese Ansicht teilen auch die Ermittler in Bologna, die die Zellen der wegen Terrorismus verurteilten Linksextremisten in der Strafanstalt von Biella durchsuchen ließen. In Biella sind mehrere Mitglieder der "Brigate Rosse" inhaftiert, die ihrer Vergangenheit nicht abgeschworen haben. Nicht auszuschließen sei, dass diese Ex-Terroristen Kontakte zu den neuen Zellen der "Roten Brigaden" geknüpft haben, vermuten die Ermittler.

Biagis Witwe, Marina Orlandi, richtete inzwischen einen Appell an die italienische Regierung. "Der Staat darf seine Diener nicht allein lassen. Ich sage das für all jene Personen, die sich in der Position meines Mannes befinden, wie zum Beispiel die Staatsanwälte", sagte Orlandi. Die Familie des Regierungsberaters lehnte ein Staatsbegräbnis ab, wie es die Regierung in Rom vorgeschlagen hatte. Am Begräbnis im engsten Familienkreis am Freitag in Rom werden als Vertreter der Institutionen nur Staatschef Carlo Azeglio Ciampi und Kammerpräsident Pier Ferdinando Casini.

Das Innenministerium ergriff inzwischen strengste Anti-Terrormaßnahmen aus Sorge vor weiteren Anschlägen. Innenminister Claudio Scajola will die Liste von Kabinettsmitgliedern, Regierungsberatern, Gewerkschaftern und Parteichefs neu überprüfen, die Recht auf eine Polizeieskorte haben. Auch die Schutzmaßnahmen für institutionelle Einrichtungen wie Partei- und Gewerkschaftsfunktionen sollen verschärft werden. Strenge Sicherheitsvorkehrungen werden auch in Hinblick auf die Massendemonstration gegen die Regierung Berlusconi und gegen den Terrorismus am Samstag in Rom ergriffen, an der zirka eine Million Personen teilnehmen sollten. (APA)

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