Gegen Regen

22. März 2002, 09:59
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Abgesehen von der derzeit ungerechten Aufteilung (Dürre in Gamlitz - Steyr unter der Enns): Regen tut der Natur gut. Wenngleich nicht jeder Natur.

Zum Beispiel nicht der Natur des Menschen, der im Regen steht. Und auch nicht der Natur des Menschen, der durch den Regen gehen muss, um in die Arbeit (Traufe) zu gelangen.

Oder anders: Wohlstand verdanken wir Europäer neben der Wallstreet auch ihm, dem Regen. Aber sind wir dankbar? Nein, im Gegenteil. Nach drei Tagen unter aufgespannten Obdach-Prothesen hört sich der Spaß nur deshalb nicht auf, weil er nie begonnen hat. Von oben lässt sich nichts ungestümer und selbstgefälliger auf uns herab als er, der Regen.

Wir verabscheuen ihn, denn er nimmt uns die Lust auf Freiheit, schränkt unsere Pfade ein, durchlöchert unsere Kopfdecken, strichliert unsere Augengläser, versaut uns Schuhe und Frisuren, verpfuscht uns den Frühling, verleugnet dessen bemühte Sonne, knechtet den Eros der Begegnung auf offener Straße, malt uns grässliche Falten der Bedrücktheit auf die Stirn. Drinnen wollen wir nicht mehr sein. Draußen lässt er uns nicht sein. Darum soll er bitte aufhören. Und zwar ein bisschen plötzlich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 3. 2002)

Von Daniel Glattauer
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