Was kommt nach der Krautsuppe?

21. März 2002, 22:29
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Das populäre Märchen, dass der Körper "Schlacken" verliere, wird vom Leiter der Abteilung Ernährungsmedizin an der Wiener Uni-Kinderklinik entzaubert...

Fasten ist sinnvoll, wenn man danach weiter Maß hält, sagt Stoffwechselexperte Kurt Widhalm. Das populäre Märchen, dass der Körper "Schlacken" verliere, wird vom Leiter der Abteilung Ernährungsmedizin an der Wiener Uni-Kinderklinik entzaubert.

Standard: Gibt es einen Fasten- boom?

Widhalm: Das ist richtig. Wobei zwei Verhaltensweisen auffallen: Die einen wollen längerfristig ihre Ernährungsgewohnheiten ändern und stellen ein Fasten voran. Was sinnvoll sein kann. Andererseits glauben manche, mit einer zweiwöchigen Fastenkur ihre Gesundheitsprobleme zu lösen und nachher wieder weiterleben zu können wie vorher. Das führt dann auch zum gefürchteten Jo-Jo-Effekt.

STANDARD: Nimmt man nach einer Fastenkur leichter zu?

Widhalm: Nach einer Reduktionskost verbraucht der Körper weniger Energie. Daher muss die Energiezufuhr nachher gedrosselt werden. Auch körperliche Aktivität spielt eine wichtige Rolle. Man sollte sich täglich eine halbe Stunde so bewegen, dass man ins Schwitzen kommt. Wenn Sie Kohlehydrate essen, sind Sie nach ein bis zwei Stunden wieder hungrig. Wenn Sie aber dazwischen Sport betreiben, können Sie die Insulin-ausschüttung einschränken und haben weniger Hunger.

STANDARD:Verliert man "Schlacken" durch das Fasten?

Widhalm: Das ist eine sehr populäre Vorstellung, die nicht zutrifft. Es ist sicher richtig, dass das Blut von manchen Stoffen sozusagen gereinigt wird, indem etwa die Harnsäure absinkt. Die Stoffwechselsituation wird insgesamt besser. Aber es ist falsch, dass in irgendwelchen Darmnischen Substanzen sind, die hinausgeschwemmt werden.

STANDARD:Was sagen Sie zur Wunder-Krautsuppe, die derzeit an allen Ecken propagiert wird?

Widhalm: Das ist eher Psychologie. Krautsuppe ist natürlich nichts Schlechtes. Mir geht's aber immer darum: Was kommt nach der Krautsuppe? Das ist das Problem!

Mehr als ein viertel bis ein halbes Kilo Fett pro Woche kann man übrigens gar nicht abbauen. Ein Teil des verlorenen Gewichts ist daher einfach nur Wasser.

STANDARD: Was halten Sie von der grassierenden Yuppie-Mode, vierzig Tage lang bis Ostern keinen Alkohol zu konsumieren?

Widhalm: Es ist nicht schlecht, einige Zeit auf Alkohol zu verzichten. Aber nicht mit dem Ziel, nachher umso mehr zu trinken. Fastenkuren sind prinzipiell dann nicht sinnvoll, wenn man ins Schlaraffenland zurückkehrt.

STANDARD: Werden auch die Kinder immer dicker?

Widhalm: Ja, das ist ein Wahnsinn. In den letzten zwei Jahren sind über 100 Jugendliche mit mehr als 100 Kilo zu uns an die Klinik gekommen. Wir stehen diesem Problem fast hilflos gegenüber. Denn es gibt keine wirklich erfolgreichen Behandlungsstrategien. Man müsste diese Patienten monatelang irgendwo aufnehmen und intensiv betreuen. Bei vielen Kindern heißt es ja viel zu lange: "Das wird sich schon auswachsen." (Martina Salomon,DER STANDARD Print-Ausgabe 22.März 2002)

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