Deutschland: Arbeitsbeginn für Bundeskulturstiftung

21. März 2002, 21:09
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Günter Grass forderte "multikulturelle Perspektive"

Halle - Zum Arbeitsbeginn der neuen deutschen Bundeskulturstiftung hat Günter Grass in seiner Festrede am Donnerstag in Halle eine multikulturelle Perspektive der neuen Einrichtung gefordert. Die Stiftung solle allen in den Grenzen Deutschlands lebenden Menschen gewidmet sein, gleich welcher Herkunft, welcher Hautfarbe oder welchen Glaubens. Der Begriff Nation müsse heute in Deutschland weiträumiger als je zuvor gefasst werden. Sie umfasse viele fremde Kulturen, "die uns bereichern können, wenn wir bereit sind, von unseren Ängsten Abstand zu nehmen."

Grass zeigte sich zufrieden, dass die von ihm schon vor 30 Jahren angeregte Nationalstiftung nun Wirklichkeit geworden ist. Es werde die Aufgabe der Stiftung sein, den kulturellen Zuwachs wahrzunehmen, zu fördern und zu schützen.

Der Schriftsteller würdigte das Engagement des früheren Kulturstaatsministers Michael Naumann und seines Nachfolgers Julian Nida-Rümelin für die Stiftungsgründung, "die keine Furcht hatten, dicke Bretter zu bohren". Er hoffe, dass die immer noch abseits stehenden Länder doch noch mit der Bundeskulturstiftung zusammen gehen werden.

Vier Schwerpunkte

Die Kulturstiftung des Bundes nahm mit einer konstituierenden Sitzung des Stiftungsrates offiziell ihre Arbeit auf. Dem Stiftungsrat unter Vorsitz von Kulturstaatsminister Julian Nida- Rümelin (SPD) gehören 14 Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik an.

Die Stiftung werde solche Projekte fördern, die innerhalb der Zuständigkeit des Bundes liegen, sagte Nida-Rümelin. Der Stiftungsrat habe beschlossen, die Arbeit zunächst auf vier Schwerpunkte zu richten. Dies seien die Themen Kunst und Stadt, kulturelle Aspekte der deutschen Einigung, Kunst in Osteuropa sowie der 11. September 2001 - der Tag der Terroranschläge in den USA - als kulturelle Herausforderung.

Acht Projekte genehmigt

Die Bundeskulturstiftung wird von einer Doppelspitze mit der Kunsthistorikerin Hortensia Völckers und dem Kulturpolitiker Alexander Farenholtz geleitet.

Völckers teilte mit, es seien bereits acht Projekte genehmigt worden, die von der Stiftung gefördert werden sollen. Es handele sich um solche Projekte, die in nächster Zeit beginnen werden. Als ein Beispiel nannte Völckers die Beteiligung der Bundeskulturstiftung am Ankauf der Sammlung Marzona. Die Privatsammlung mit bedeutender Gegenwartskunst soll von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erworben werden. Nida-Rümelin sagte, das Fördervolumen für die acht Projekte liege bei zwei Millionen Euro.

Die Gründung der Bundeskulturstiftung war im Jänner von der deutschen Bundesregierung beschlossen worden. Sie wurde als Zuwendungsstiftung mit einer verbindlichen Finanzzusage bis 2004 gegründet. Im ersten Jahr verfügt sie über Fördermittel von 12,8 Millionen Euro, im Jahr 2003 über 25,6 Millionen Euro und 2004 über 38,3 Millionen Euro. Die Länder sind an der Kulturstiftung des Bundes vorerst nicht beteiligt. Nach einer grundsätzlichen Klärung der Bund-Länder-Kompetenzen im Kulturbereich ist es Ziel, die Kulturstiftungen des Bundes und der Länder zusammenzuführen.

Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU), der als Stiftungsratsvorsitzender der Kulturstiftung der Länder nun auch im Stiftungsrat der Bundeskulturstiftung sitzt, sagte: "Man will sich keine Konkurrenz machen. Es gilt das Prinzip Kooperation." (APA/dpa)

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