"Ein schwerer Schlag gegen unsere Demokratie"

22. März 2002, 09:30
posten

Vittorio Prodi, Präsident der Provinz Bologna und Ulivo-Mann, im STANDARD-Gespräch

"Die italienische Demokratie ist nicht in der Krise. Die Demokratie ist auch nicht in Gefahr, aber der Mord an Marco Biagi bedeutet einen ganz schweren Schlag gegen unsere Demokratie": Vittorio Prodi, Präsident der Provinz Bologna, Ulivo-Mann, Bruder des EU-Kommissionspräsidenten Romano und enger persönlicher Freund des am Dienstagabend ermordeten Arbeitsmarktexperten Biagi, erklärt im Gespräch mit dem STANDARD: "Biagi war ein Mann des Dialoges. Mit dem Anschlag auf ihn wurde auch der Dialog getroffen." Und nicht zuletzt sei der Mord an Marco Biagi als Symbol für den Staat zu sehen, der bis ins Mark erschüttert werden sollte.

Das zeige auch der persönliche Hintergrund des Ermordeten: Der Regierungsberater in Sachen Arbeitsrecht, einer der Autoren des von der Regierung vorgelegten Weißbuches, in dem die Reformpläne für den Arbeitsmarkt festgehalten sind, hat mit Regierungen aller Couleurs zusammengearbeitet: zuerst für die Regierung unter Romano Prodi, dann für die Regierung D'Alema, zuletzt für Silvio Berlusconi. "Biagi war ein Mann der Institutionen. Sein Beitrag mag als rein technischer Natur erschienen sein, dabei hat er immer versucht, eine Synthese zwischen den verschiedenen Lagern zu finden." Darin sei er auch Massimo D'Antona sehr ähnlich gewesen, einer der bekanntesten Arbeitsrechtsexperten Italiens, der vor drei Jahren auf ähnliche Weise sein Leben lassen musste.

"Kundgebung als klares Zeichen"

Dass der Anschlag wenige Tage vor der am Samstag angesetzten Kundgebung in Rom gegen den Artikel 18, einer der am meisten umfehdeten in der Diskussion um die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes stattfand und die italienische Zivilgesellschaft in arge Bedrängnis gebracht hat, verneint Vittorio Prodi zwar nicht, meint aber gleichzeitig: "Wir haben bei der Kundgebung in Bologna ein klares Zeichen der Einigkeit der Institutionen gezeigt, indem der Bürgermeister Giorgio Guazzaloca für alle Vertreter der Institutionen gesprochen hat." Das sei ein Zeichen, nur so könne die Zivilgesellschaft gestärkt werden, um gleichzeitig die Demokratie zu untermauern.

Das hätte wohl auch sein Freund Mario Biagi befürwortet. Biagi wird Vittorio ebenso fehlen wie seinem Bruder Romano, vor allem sonntags. Schließlich war sonntags um Punkt neun Uhr Treffpunkt der "ciclisti" im Parco Giardini Margherita: Mit dabei bei der sonntäglichen Radtour war unter anderem auch Marco Biagi. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 22.3.2002)

STANDARD- Redakteurin Esther Mitterstieler aus Bologna
Share if you care.