Die Freiheit, die Hayek meinte - Kurt R. Leube

21. März 2002, 19:42
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Auch zehn Jahre nach seinem Tod bleibt der Nationalökonom Friedrich August von Hayek umstritten. Zu Unrecht, wie unser Gastautor meint.

Weit mehr als andere sozialwissenschaftlichen Disziplinen scheint die Nationalökonomie der periodischen Wiederholung längst widerlegter Thesen und gängiger politischer Trends ausgesetzt zu sein. So wird auch das Werk Friedrich August von Hayeks von Intellektuellen, Wissenschaftern und Politikern, offenbar dem jeweiligen Zeitgeist folgend, hoch geschätzt oder als inopportun verworfen.

Als es dem jungen Hayek in den 30er-Jahren gelang, die einzige geld- und konjunkturtheoretische Alternative zu den zündenden, langfristig jedoch fatalen Lehren Lord Keynes' zu formulieren, wurde sein Ansatz politisch verworfen und in Lehrbüchern teilweise bis heute ignoriert. Als er dann 15 Jahre später in seinem Bestseller "Der Weg zur Knechtschaft" (1944) auch noch die Unvereinbarkeit von Sozialismus, Demokratie und individueller Freiheit nachwies, wurde er endgültig zum Feindbild der Linken.

Und wieder ca. 15 Jahre später wurde sein Opus magnum "Die Verfassung der Freiheit" (1960) als einer jener "längst ausgestorbenen Dinosaurier, die noch gelegentlich, offenbar immun gegen die natürliche Selektion, über die Bühne stolzieren" verdammt. Und doch wurde er, wohl der politischen Symmetrie wegen, gemeinsam mit dem Sozialisten Gunnar Myrdal, 1974 mit dem Nobelpreis gewürdigt.

Hayek wurde 1899 in Wien geboren und schleppte sich mit wechselhaftem Erfolg durch einige Gymnasien. Im März 1917 rückte er freiwillig ein und kehrte 1918 malariageschwächt von der Piave-Front durch die zusammenkrachende Monarchie ins hungernde Wien zurück. Nach eiliger "Kriegsmatura" begann er das Jusstudium an der Wiener Universität.

Sein kurzer Flirt mit sozialistischen Ideen fand im Privatseminar Ludwig von Mises', aus dem die 4. Generation der österreichischen Schule hervorging, ein rasches Ende. Weit mehr als die Hälfte der Mitglieder wurde zu international führenden Wissenschaftern, allerdings erst, nachdem sie der politischen Umstände wegen Österreich verlassen hatten.

Im 1927 begründeten Österreichischen Institut für Konjunkturforschung setzte er der damals vertretenen These, Prosperität könne mit einer Ausdehnung der Bankreserven, der Bankkredite und der privaten Investitionen, jedoch ohne Anstieg des allgemeinen Preisniveaus erreicht werden, seine eigene Konjunkturtheorie entgegen.

Hier wird jede Kapitalknappheit zur unmittelbaren Ursache einer Krise, wobei Überinvestition nicht nur zur Kapitalverknappung und zum Rückgang der Investitionstätigkeit führen muss, sondern auch zum partiellen Verlust des Realkapitals, das wegen der überhöhten Investititonsrate ja bereits produziert wurde. Die amerikanische Krise von 1929 bestätigte seine Analyse in dramatischer Weise. 1931 an die London School of Economics berufen, wurde Hayek in einen Mehrfrontenkampf gegen die Lehren von Lord Keynes verwickelt.

Hayeks wegweisende Einsicht, nach der die spontanen und individuellen Handlungen einer Vielzahl unvollkommen informierter und unabhängiger Menschen Resultate erbringen können, die einer Zentralbehörde nur dann möglich wären, wenn sie über das gesammelte Wissen dieser Individuen verfügen könnte, brachte die theoretische Basis des Sozialismus in den 30er-Jahren zum Einsturz.

Spontane Ordnung

Die Ordnung, die durch die spontane individuelle Reaktion auf Ereignisse und Umstände entsteht, die der Einzelne in ihrer Gesamtheit nicht begreifen kann, ist daher nicht das Ergebnis menschlicher Planung, sondern das Resultat kultureller Evolution. Die Erkenntnis, dass die Vielfalt der modernen Gesellschaften und unser relativer Wohlstand auf der individuellen Freiheit beruhen, sich Prozessen anzupassen, die wir weder kennen noch planen können, ist fundamental.

Der Terror des Faschismus ließen sein Buch "Der Weg zur Knechtschaft" entstehen. Hier wies er nicht nur die Unvereinbarkeit sozialistischer Zentralverwaltung mit individueller Freiheit nach, sondern warnte auch vor den totalitären Tendenzen aller Formen des Wohlfahrtsstaates. 1950 ging er an die University of Chicago, wo er auf eine kongeniale Gruppe um Milton Friedman (Nobelpreis 1976) und George Stigler (Nobelpreis 1982) stieß. Hier entstand sein Werk "Die Verfassung der Freiheit".

Während die meisten modernen Sozialphilosophen den Zweck ihres Denkens in der utopischen Konstruktion einer "idealen" Ordnung sehen, stellt sich Hayek hier die Aufgabe, für das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen Regeln zu finden, die es den Einzelnen im Rahmen allgemein bekannter Gesetze erlauben, individuelle Ziele zu erreichen.

Mit seiner Theorie der spontanen Ordnung erklärt er, wie jeder Marktteilnehmer innerhalb dieser Regeln seine spezifische Situation und seine Fähigkeiten spontan immer so ordnet, wie es ihm, ohne jemals das Ganze erfassen zu können, am vorteilhaftesten erscheint. Nur ungehinderter Wettbewerb lässt ständig neues Wissen entstehen.

Inzwischen 63-jährig, übersiedelte er an die Universität Freiburg im Breisgau und begann die Arbeit an "Recht, Gesetzgebung und Freiheit" (1973/1976/1979). In dieser Trilogie fasst Hayek die rechtsphilosophischen, ethischen und politischen Grund- lagen einer freien Wirtschafts-und Gesellschaftsordnung zusammen. Der fatale Irrtum, aus dem liberalen Grundprinzip, alle nach den gleichen Regeln zu behandeln, die Forderung ableiten zu wollen, der Staat müsse Einzelne verschieden behandeln, um sie in die gleiche materielle Lage zu versetzen, muss nach Hayek zur Zerstörung aller Moral und Ethik einer freien Gesellschaft führen.

In Salzburg isoliert

1969 ging er an die Universität Salzburg, wo trotz seines labilen Gesundheitszustandes und seiner intellektuellen Isolation eine Reihe wichtiger Arbeiten entstanden. Hayek, dessen Werk noch im Sommer 1974 offiziell als "theoretisch überholt und politisch irrelevant" abgekanzelt wurde, sah sich drei Monate später als erster und bisher einziger Vertreter der österreichischen Schule mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Plötzlich wurde er offiziell hofiert.

Hayeks nahezu 80 Bücher und Broschüren und seine über 250 wissenschaftlichen Aufsätze entstanden aus der umfassenden Sicht einander bedingender Disziplinen. Die innere Kohärenz und systematische Entwicklung seines Ansatzes, seine ehrliche Wissen- schaftlichkeit und umfassende Bildung sind schlechterdings unerreicht. Hayek starb 1992 in Freiburg. Als Gelehrter, Mensch und väterlicher Freund kam er dem Ideal des "Gentleman" gewiss so nahe, als es Menschlichkeit erlaubt. (DER STANDARD, Printausgabe 22.3.2002)

Der Autor ist Research Fellow an der Hoover Institution, Stanford University und am ICER, Turin, sowie Direktor des F. A. von Hayek Instituts.
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    Der bisher einzige österreichische Wirtschafts-Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek starb am 23. März vor zehn Jahren.

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