Zauberreich der unbelasteten Töne

21. März 2002, 20:10
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Alfred Brendel und Marc Minkowski in Wien

Wien - Ruhm ist ein launischer Patron. Aber manchmal ist selbst er gerecht. Etwa, wenn ein nur bei Kennern hoch respektierter Künstler, der einfach konsequent seinen Weg geht, endlich Publikumsakzeptanz erringt. Klavierphilosoph Alfred Brendel, längst Mister Universum auf dem CD-Gebiet und der Multimedia-Kollektionen, kann nach zahlreichen "Geschichtchen" natürlich längst auf seine Wiener Hörer schwören.

Fragend von unten blickend und im Konzerthaus sein bekanntes Lächeln mit den beiden heruntergezogenen Mundwinkeln aufsetzend, entlockte er den Mozartschen Klavierkonzerten in G-Dur (KV 453) und C-Dur (KV 503) Hinreißendes. Sir Charles Mackerras sorgte schon dafür, dass im Orchester nichts unter den Tisch fiel an Korrespondenzen. Brendel verblüfft mit jener magischen Könnerschaft, bei der Virtuosität ohne pompösen Tastenzauber auskommt. Er hat Tiefe, belastet dennoch die Melodien nicht schwer; dieser Mozart ist leicht, perlt aber nie auf zu glatter Oberfläche.

Franz Schuberts Symphonie Nr. 6 kam konzis, kompakt und korrekt. Das gut eingespielte Scottish Chamber Orchestra pflegt übrigens eine eher seltene, moderne Personalpolitik: Hier liegt der Frauenanteil - auch bei den gewichtigen vier Stimmführern - bei 75 Prozent.

Ortswechsel: Mit Musik vom "Charming Brute", von Georg Friedrich Händel, starteten Les Musiciens du Louvre, ein edles Barock-Ensemble, ihren Abend im Musikverein. Der umtriebige Dirigent Marc Minkowski, der das Ensemble in den Achtzigern gegründet hatte, pfefferte die sonst esoterisch dahinwispernde Musik von Händel, Carl Philipp Emanuel Bach und Jean-Philippe Rameau so stark, dass die Akteure durchaus ins Schwitzen kamen.

Das Stützgerüst der Truppe bildeten die Celli und beiden Kontrabässe, ein Basso fon-damentale, der der melodie-betonten Leichtigkeit des Vorklassikers Bach eine entsprechende Basis verlieh. Synkopengeschiebe, kühne Modulationen, Seufzer und Lamento-Szenen - und dann ein paar Takte wie aus einer anderen Welt: nur zwei Kontrabässe singen mit den zwei Querflöten ihre traurigsten Töne.

Bei Rameaus Suite aus Les Boréades (beziehungsschwere Oper über Donner, Gewitter und Erdbeben) zeichnet Minkowski die markantesten Nummern nicht derb oder bullig nach. Eher filigran und elegant.
(henn/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 3. 2002)

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