Schütteres Seehundhaar ...

21. März 2002, 20:02
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...und andere Blütenträume: "Das flämische Stillleben 1550-1680" im Palais Harrach

Die Ausstellung "Das flämische Stillleben 1550-1680" des Kunsthistorischen Museums im Palais Harrach verquickt die Lieblichkeit penibel erfasster Details mit der "Vanitas" irdischer Vergänglichkeit.


Wien - Die neue Rechtschreibung macht es deutlich: Das Stillleben hat nichts mit Stil, aber viel mit Stille zu tun. Die Bezeichnung "Stilleven" taucht zum ersten Mal um 1650 auf, da hatten es die flämischen Maler schon 100 Jahre lang praktiziert. Sie malen die Dinge, wie sie unbewegt vor ihnen liegen, "nach dem Leben" also.

Rund 100 Beispiele flämischer Stillleben aus der Hochblüte des Genres sind jetzt in der Beletage des Palais Harrach ausgestellt. Während die niederländischen Künstler von 1550 bis 1650 als Protestanten mehr zur moralisierenden Allegorie neigten, gaben sich ihre katholischen Kollegen in Flandern sinnesfreudig. Virtuos bilden sie den Reichtum von Haus- und Zierrat ab, das Angebot an Fisch, Fleisch, Wild, Meeresfrüchten, das Obst, das Bürger und Edelmann auftischten.

Zeukis, der legendäre griechische Maler, war, wie Plinius berichtet, stolz darauf, dass Vögel auf sein Traubenbild lospickten. Doch seinen flämischen Nachfahren war nicht die absolute Sinnestäuschung wichtig. Der Kunde sollte die Kunstfertigkeit estimieren, in der Darstellung des Pfauengefieders, der Opulenz einer Pfingstrose.

Das Stillleben enthält immer auch ein Element der "Vanitas", der Vergänglichkeitsallegorie. Maler wie Joachim Beuckelar oder Franz Snyders flechten in ihre Epiphanien des Diesseitigen Erzählungen ein, die auch das Zeitalter des Genrebilds begründen.

Franz Snyders nimmt sich das Thema "Fischmarkt" vor: Vor dem Hintergrund einer Hafenszene malt ihm sein Schwager Cornelis de Vos die Figuren des Fischhändlers und seines Gehilfen, der fangfrische Fische aus einer Schüssel in einen Behälter schüttet. Der Fischhändler hält einen graugrünen Hummer hoch. Auf einem länglichen Tisch arrangiert Snyders die Fische. Das unabdingbare Strukturelement Rot liefern Filetstücke vom Lachs. Unter dem Tisch lugt ein lebender Seehund hervor, als wäre er ein Lieblingshaustier.

Die naturhistorischen Kenntnisse der flämischen Stillleben-Maler sind stupend. Jan Breughel d. Ä., "Blumenbreugel" genannt, bringt es zuwege, auf einem Bild bis zu 60 verschiedene Spezies botanisch exakt zu einem Kranz zu flechten.

Auf der Suche nach neuen Anregungen hatte er während einer Studienreise den Kardinal Federico Borromeo kennen gelernt. Für den neuen Auftraggeber ließ er in der Mitte ein Oval frei, in das sein Kollege Giulio Cesare Procaccini die Hl. Jungfrau mit Jesukind und Engeln hineinmalte. Die Kombination von Blütenpracht und Glaubensinbrunst ist an Lieblichkeit nicht zu übertreffen. Sie wird für die religiöse Kitsch- und Andenkenmalerei des 20. Jahrhunders stilbildend.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 3. 2002)

Von
Paul Kruntorad


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Bis 21. Juli.
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