Nach dem 11. September: Alles wie gehabt?

21. März 2002, 15:30
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Deutscher Friedensforscher: USA benützen Regierungen, "wie sie sie brauchen"

Salzburg - Keinen Kampf der Kulturen nach dem 11. September ortet der Leiter der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und Professor für internationale Beziehungen an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/M., Harald Müller. "Es hat sich wenig geändert in der Welt, kurzzeitig hat es sich in der Konjunktur niedergeschlagen, die USA üben ihre Macht nach wie vor aus." Lediglich die "Sichtweise der Sicherheit" sei eine andere geworden, sagte Müller bei einem Pressegespräch in Salzburg.

"Der Islam ist auch Teil unserer Kultur"

Mit dem Kampf gegen den Terrorismus hätte noch eine Generation zu tun. "Jeder, der sagt, man könnte ihn auf Null stellen, der lügt", so Müller. Als Lösung schlägt der Friedens- und Konfliktforscher "eine gegenseitige Anerkennung" vor. "Der Islam ist auch Teil unserer Kultur." Die Probleme seien schon immer da gewesen und könnten im Wesentlichen auf "die soziale Stagnation, politische Repression und die 200-jährige Demütigung" zurückgeführt werden.

Die USA würden die Regierungen benützen, "wie sie sie brauchen. Menschenrechte und Demokratie werden ignoriert". Als Ausweg aus dem Dilemma sieht der Friedens- und Konfliktforscher den Dialog "in jederlei Beziehung". Als Beispiele nannte Müller "ein massives Einwirken auf den Nah-Ost-Konflikt, Menschenrechtsangelegenheiten und Verstärkung der Entwicklungshilfe".

Prozesse laufen längst

Wenn man den 11. September als ein Schlüsseldatum der Weltgeschichte verstehe, so bedeute das keineswegs, dass sich an diesem Tage deren Bedingungen und Gegebenheiten schlagartig und unwiderruflich verändert hätten. Mit den Anschlägen in Washington und New York seien vielmehr Prozesse sichtbar geworden, die schon seit weit über zwei Jahrzehnten in Entwicklung befindlich waren, so Müller.

Der erste wichtige Befund sei, "dass der dunkelste Aspekt von Globalisierung ins Bewusstsein getreten ist. Dass die erhöhte Mobilität von Kapital, Information und Menschen nicht nur die Wohlfahrt steigert, sondern zu massiven Verteilungskonflikten führt, ist seit Seattle und Genua Teil des politischen Diskurses. Der Globalisierungsprozess hat indes noch ominösere Folgen: Er verstärkt die Entfremdung erheblicher Randgruppen vom wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Mainstream der globalen Entwicklung und bietet ihnen zudem die Gelegenheit, diese Frustrationen in Formen politischer Theologie zu formulieren und zu rationalisieren und in tödlichen Aktionismus von bisher beispiellosem Ausmaß umzusetzen", meint der Friedensforscher. (APA)

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