Stabiles Klima ist keine Selbstverständlichkeit

21. März 2002, 12:19
1 Posting

In der Erdgeschichte gab es Schwankungen von bis zu zehn Grad in zehn Jahren

Wien - Abgesehen von der beobachtbaren, globalen Erwärmung leben wir seit rund 10.000 Jahren in einer Periode mit - aus erdgeschichtlicher Sicht - eher ungewöhnlich stabilem Klima.

Doch das könnte sich durch die massiven Eingriffe des Menschen etwa in den Kohlenstoff-Haushalt der Erde wieder ändern, berichtete Stefan Rahmstorf vom deutschen Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung bei einem Vortrag am Mittwoch Abend im Rahmen der von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften organisierten "Schrödinger Lectures" in Wien.

Kurzfristige Schwankungen

Unter anderem durch Untersuchungen an Eis-Bohrkernen in Grönland und der Antarktis können die Klimaforscher heute belegen, dass es neben den langfristigen Klimaänderungen - etwa den Eiszeit-Zyklen - auch kurzfristige Schwankungen gab. Während für die Abfolge von Eis- und Warmzeiten heute in erster Linie Bahnänderungen der Erde um die Sonne verantwortlich gemacht werden, sehen die Wissenschafter Änderungen der Meeresströmungen als wahrscheinliche Ursache der kurzfristigen Klimakapriolen an.

Lange wurden die kurzfristigen Schwankungen des globalen Klimas - die bis zu zehn Grad in zehn Jahren betragen konnten - als Humbug abgetan, von falschen Messungen und Ähnlichem war die Rede. Für Rahmstorf steht mittlerweile aber fest, dass es diese raschen Abkühlungs- und Erwärmungsphasen tatsächlich gegeben hat, Messungen an völlig verschiedenen Orten und von unabhängig von einander agierenden Gruppen haben fast idente Ergebnisse erbracht.

Globale Warmzeiten

Auch im Computer-Modell lassen sich die Szenarien heute weitgehend nachvollziehen. Als Ursache sieht der deutsche Wissenschafter die Natur von Meeresströmungen, speziell des Nordatlantikstromes. Dieser entsteht im Nordwestatlantik durch Zusammentreffen des an der Westküste der Vereinigten Staaten nordwärts ziehenden warmen Golfstroms mit dem kalten Labradorstrom. Derzeit - und generell während globaler Warmzeiten - zieht der Nordatlantikstrom bis weit ins Nordmeer, ein Teil zweigt nach Süden ab und wärmt Europa.

Unter bestimmten Umständen, die genauen Zusammenhänge sind noch nicht restlos geklärt, kann sich der Verlauf des Nordatlantikstroms in erdgeschichtlichen Dimensionen fast schlagartig verändern. Von der amerikanischen Küste kommend taucht er gleichsam etwas südlich von Grönland ab und zieht als ozeanisches Tiefenwasser nach Süden. Europa kühlt dann innerhalb kürzester Zeit erheblich ab, die Gletscher wachsen und bedecken bald große Teile Nordeuropas. Ebenso kann der Nordatlantikstrom nach Jahrzehnten im Eiszeitmodus wieder in die - aus heutiger Sicht - normale Variante kippen.

Ursachen für das Kippen

Als Ursachen für das Kippen werden unter anderm große Schmelzwassermengen diskutiert, die über Flüsse in den Atlantik gelangen, auch die Änderungen der Sonnenaktivität dürfte einen Einfluss haben. Klar sei, dass die Verhältnisse sich durchaus langsam und kontinuierlich ändern können, irgendwann ist gleichsam eine Schwelle erreicht, und dann kippt der Strom sehr rasch in die andere Variante. Rahmstorf verglich den Effekt mit einem Lichtschalter. "Man kann ihn anfangs nur ganz leicht antippen und langsam den Druck steigern, irgendwann geht das Licht aber dann ganz plötzlich an."

Außer Streit steht für den Forscher, dass der Mensch derzeit massiv in das globale Klima eingreift. Auch wenn er die Wahrscheinlichkeit als nicht sehr hoch einschätzt, so ist es nach Ansicht von Rahmstorf doch möglich, dass wir nach 10.000 Jahren Klimastabilität wieder eine unruhige Phase heraufbeschwören. Aber wenn das passiert, etwa der Nordatlantik in seinen Eiszeitmodus kippt und die Temperatur um ein Grad pro Jahr fällt, dann müssen nicht nur einige flache Inselstaaten um ihr Überleben bangen. (APA)

Share if you care.