Vergessene Tränen

21. März 2002, 18:00
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Herbe, traurige griechische Haschisch-Songs finden sich in einer profunden Rembetiko- Compilation

Eine profunde Compilation erinnert an die längst verschollene Welt des griechischen Rembetiko, also an herbe, traurige Haschisch-Songs.


Jiovan Tsaous war ein stolzer Musiker. Weil er so stolz war, fand er es unter seiner Würde, sehr oft auf der Bühne zu spielen - man musste ihn besuchen, um in den Genuss seiner Kunst zu kommen. Der Mythos will, dass er aber sehr wohl für einen Sultan gespielt hat. Da sich diese Konzerte offenbar im Harem abspielten, drohte Tsaous das obligate Schicksal der Eunuchenwerdung - allein, der Sultan, von des Virtuosen Spiel angetan, erwies ihm seinen Respekt, indem er eine Ausnahme von der Kastrationsregel machte. Diese Happy-End-Geschichte ist nicht verifiziert, diese nächste aber schon und eher traurig. Sie ist nachzulesen in den wie ein Buch wirkenden Linernotes der Compilation Rembetika - Songs of the Greek Underground (Trikont/Vertrieb: Hoanzl) und handelt von Anestis Delias, der Gitarre und Buzuki spielte. Als er das Lied von den Schmerzen eines Junkie verfasste (1936), mit dem die Compilation beginnt, war er selbst noch nicht abhängig.

Schon wenige Jahre später wird er allerdings von der Metaxas-Diktatur (benannt nach dem General und Hitlerbewunderer Ioannis Metaxas) wegen Abhängigkeit auf die Insel Ios verbannt. Er hatte sich in ein Mädchen namens Katarina verliebt, das heroinabhängig war. Da sie fürchtete, er würde sie verlassen, sollte er von ihrer Sucht erfahren, schritt sie zur Tat: "Während er schlief, rollte sie ein Stück Papier und blies ihm das Heroin in die Nase!" So habe sie ihn zum Junkie gemacht, erzählt der Musiker Stelios Kiromitis. 1944 fand man ihn jedenfalls tot auf der Straße liegen. Er war, so belehren uns die Linernotes, das einzige Drogenopfer unter den bekannten Sängern und Komponisten des Rembetiko.

In den Texten dieser einfachen, rauen und traurigen Lieder allerdings ist der Genuss von Glücksmachern (in der Hauptsache Haschisch) - neben Gefängnis, Hafenkneipen, Krankheiten und Tod - das Hauptthema. Optimistisch wird da verkündet: "Hey Jungs, auch wenn die ganze Welt in Kürze verschwindet, wird sich auf diesem Flecken Erde stets noch ein Stückchen Haschisch finden!" Der Komponist dieses Songs ist wiederum Jiovan Tsaous, der, wie gesagt, eher nur für sich und seine Freunde spielte, weil: "Ich spiele nicht, damit die Huren tanzen können." Zur Ergänzung: Er und seine Frau, die Texterin seiner Lieder, starben am selben Tag 1942 an einer Lebensmittelvergiftung!

Wie die meisten wichtigen Stile dieser Welt, ist auch der Rembetiko das Produkt einer Verschmelzung. Nach der "Kleinasiatischen Katastrophe", des Krieges von 1918 bis 1922, den die Griechen verloren, mussten mehr als eine Million Menschen, die auf dem Staatsgebiet der heutigen Türkei, in Smyrna und Konstantinopel gelebt hatten, flüchten. Bald verdoppelten sich die Einwohnerzahlen von Hafenstädten wie Piräus und Saloniki, musikalisch ergab sich daraus die klassische Periode des Rembetiko. Ab 1937, mit Beginn der Metaxas-Diktatur gab es Zensur - das Wort Haschisch wurde etwa durch Ouzo ersetzt. Tja! Auch nach dem Krieg blieb es bei der Zensur, viele der Musiker gaben auf. Diese von Christos Davidopoulos zusammengestellte Compilation ist also eine Hommage an eine untergegangene Welt der Lamentationen, Haschischkneipen (Tekes) und Argiles (Wasserpfeifen).
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 3. 2002)

Von
Ljubisa Tosic

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