Eine Reise mit und zu den Vögeln

23. März 2002, 22:02
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Ein Fixpunkt im Reisekalender der Ornithologen ist der Nationalpark am Ostufer des Neusiedler Sees - einer der wesentlichen Rastplätze der Vögel auf Ihrer Zugroute

Alles, was der Mensch kann, hat er von den Tieren. Die Intelligenz von den Affen, die stoische Gelassenheit von der Kuh, den Sinn fürs Religiöse von der Schlange, den fürs Genießen von den Schweinen und den Igeln. Und das Träumen hat er zweifellos von den Vögeln. Nicht nur, dass der Vogel seine sprichwörtliche Perspektive hat. Er und seine Artverwandten sind, was dem Menschen nur in der Ausnahmesituation des Urlaubs möglich ist: schon wieder weg, wenn sie nicht einmal noch ganz da sind.

Lange Zeit rätselhaft

Wo sie hinfliegen, wenn sie nicht da sind, war den Erdgebundenen bis vor kurzer Zeit ein Rätsel. Erst die weltweiten Beringungsaktionen des vorigen Jahrhunderts ermöglichten es, zu vermuten, wohin und von woher die Vögel reisen. Und über welch unglaubliche Distanzen hinweg sie es tun.

Nomaden der Lüfte

Am 12. April kommt der Film "Nomaden der Lüfte" in die heimischen Kinos, der in aufwändigen Bildern die Reisegeschichten der Vögel erzählt. Drei Jahre lang sind der Naturfilmer Jacques Perrin und sein Team auf ihre unbeholfene Weise 40 verschiedenen Vogelarten nachgereist, von der Arktis bis zur Antarktis. In Heißluftballons und Ultraleichtflugzeugen, auf monströsen Kranarmen und waghalsig an Steilklippen errichteten Bühnen wurden die Kameras positioniert. Um den Tieren auch beim Fliegen nahe sein zu können, hat man Exemplare von rund 30 Arten von Hand aufgezogen.

Touristisches Thema

Die Nähe zu den Vögeln ist seit längerem auch ein nicht unwichtiges touristisches Thema geworden. Organisationen wie Bird Watch sind zu veritablen Reisebüros geworden, die Fahrten zu den schönsten Vogelbeobachtungsplätzen der Welt organisieren, wo die Gäste sich mit Bestimmungsbuch und Spektiv auf jene Lauer legen, die für mehr und mehr Menschen durchaus der Vorstellung von einem erlebnisreichen Urlaub nahe kommt.

Nationalpark Neusiedlersee

Ein Fixpunkt im Reisekalender der Ornithologen ist der grenzüberschreitende Nationalpark am Ostufer des Neusiedler Sees, einer der wesentlichen Rastplätze der Vögel auf der östlichen Zugroute, die über die Meerenge des Bosporus führt. Das flache, teils salzhaltige Wasser der Lacken, die baumlose Ebene und die weitgehende Ruhe vorm Humptata der lustigen Menschen locken rund 300 Vogelarten in den österreichisch-ungarischen Grenzraum, die Hälfte brütet hier. "Das Besondere", erzählt Alois Lang, der Sprecher des Nationalparks, "ist der Artenreichtum." Der beruht vor allem darauf, dass sich hier Eurasien und Westeuropa klimatisch überschneiden. "Viele Arten gibt es ein paar Kilometer weiter östlich oder westlich nicht mehr."

Vogeljahr beginnt Mitte Februar

Das Vogeljahr am Steppensee beginnt bereits Mitte Februar, wenn die ersten Kiebitze landen. Die Wintergäste aus dem hohen Norden, Blässgänse und Kornweihen, warten noch aufs Höhersteigen der Sonne, aber die Säbelschnäbler, die Rotschenkel, die Kampfläufer sind schon unterwegs hierher. Jetzt, ab Anfang April sind die Leittiere der Region im Anflug, die Weißstörche. Mit ihnen kommen die Schwalben und die Rohrsänger. Die Graugänse sind schon beim Brüten, wenn Mitte April rund 20 verschiedene Wattvögelarten hier rasten. Erst ganz zum Schluss, ab Anfang Mai, zieht es dann die Bienenfresser zu den Lösswänden bei Weiden und Neusiedl.

"Welche Vögel sind schon da?"

Die Touristiker haben sich längst schon auf den Vogelzug eingestellt. Geführte Wanderungen - am 7. April etwa in Zusammenarbeit mit Bird Life Österreich - gehen der Frage nach: "Welche Vögel sind schon da?", die umliegenden Gemeinden feiern bis Ende April das "Frühlingserwachen", bei dem neben den Vögeln auch der Wein, der später im Jahr die Stare schwärmeweise anlockt, seine Rolle spielt.

Neusiedlersee mit Problemen

Nur der See selbst trübt ein wenig die Feierstimmung. Die jahrelange Trockenheit hat ihm zugesetzt, sind die nächsten Winter auch so schneearm, wird er in zwei, drei Jahren leer sein wie zuletzt vor 140 Jahren. Dann werden die Vögel vorübergehend ausweichen müssen. Die bange Frage der Ornithologen ist aber: Wohin? (Der Standard | Rondo | Wolfgang Weisgram)



Kinostart von "Nomaden der Lüfte" ist am 12. April. Die Vorpremiere am 7. April im UCI Millennium City ist eine Benefizveranstaltung zugunsten des Storchenprogramms des WWF.

Karten unter 01/400 600 und www.viennaticket.at. Zum Film erschien im Gerstenberg-Verlag der gleichnamige, prächtige Bildband.

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