Wer mit dem Teufel tanzt

21. März 2002, 13:10
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Al Cooks "Country Blues": Nur ausgewachsene Dämonen sind der Rede wert

Ist das so selbstverständlich, dass die Schwarzen dort, wo sie karniefelt wurden bis aufs Blut, in Amerika, dem Reich des Guten nämlich, ihre eigene musikalische Sprache schufen? Karniefelt zu werden ist nicht nur eine öffentliche, sozusagen politische Angelegenheit, manchmal genügt eine Kleinigkeit. Der Frust, mangels Bargelds nicht Astronomie studieren zu können, eine ungeliebte Ausbildung machen zu müssen, oder das einfache Fadsein. Ist es also wirklich so unverständlich, dass in einem braven Wiener Bürgerbezirk ein Feinmechanikerlehrling Elvis Presleys ansichtig wird und in derselben Stunde dieser Musik und Lebenshaltung inklusive Frauenideal und Tonleiter auf ewige Zeiten hörig wird?

Die Ewigkeit Alois Kochs dauert jetzt ziemlich genau 38 Jahre, elf Platten und Zigtausende Auftritte lang. Al Cook hatte grandiose Zeiten, als Wolfgang Kos in der Ö3-"Musicbox" Cooks Erstling "Working Man Blues" einem staunenden, mit Beatles und Stones verdorbenen Publikum vorstellte. Er trampte durch die Tanztempel von Österreich, als der deutsche Disco die Hirne zertrampelte, er spielte in den 60ern Tanzlokale mit seiner souveränen Slide-Technik leer, verlor als Elmore-James-Imitator Wettbewerbe gegen Bambies-Klone, wurde als Elvis-Imitator verkannt, engagiert und bezahlt und belehrte in einem Akt der kreativen Auflehnung die Zuhörer über die Hintergründe von Elvis' Neuschöpfungen.

Heute weiß jeder FM4-Hörer, dass die grundlegenden Strukturen der heutigen Unterhaltungsmusik tief in den Sümpfen von Louisiana, am meerähnlichen Mississippi und auf den Baumwollfeldern des amerikanischen Südens erfunden wurden, wo der Legende nach der Teufel für eine Seele die Kunst des Gesangs und des Fingerpickings lehrte. In seinem Namen rächten sich die geknechteten, tierähnlich gehaltenen Hackler an ihren bigotten weißen Ausbeutern durch eine Kulturleistung, die im Verlaufe der kurzen Geschichte Amerikas nichts ihresgleichen hat: den Blues.

"The Country Blues" ist Cooks elfte Platte, sie ist neu und sie klingt ganz alt. Aus der Enge Wiens bricht Cook aus in die unendliche weite Welt von Tommy Johnson und Robert Johnson, von Tampa Red und Roosevelt Sykes, von Little Brother Montgomery und Honeyboy Edwards. Die "Bluesfaschisten", wie er sagt, wollen nicht zugeben, dass er, ein Weißer, den Blues spielen kann. Aber er kann, und er erweckt ihn nicht wieder, denn ein Museumswächter will er nicht sein, er macht den Blues in jedem Stück immer wieder neu. Denn diese archaische Musik, die in der heute unvorstellbaren Stille vor dem Einsetzen der Medienmaschine entstand, enthält innerhalb ihrer engen formalen Grenzen mehr Schwingungen, als eine Flasche Coca-Cola Perlen hat.

Cook hat sich vor vierzig Jahren aus Wien verabschiedet, er kennt Robert Johnsons Wege besser als jeder andere und besser als die Zugänge zum Radio oder in die Zeitungen. Cook verwendet auf der CD Elemente von Peetie Wheatstraw oder vom über alles geliebten Blind Lemon Jefferson und formt mit ihnen eigene Stücke, die er aus seinem Leben gerissen hat.

Authentizität ist das Stichwort, authentisch ist, was klingt wie vor dem Ende der 50er-Jahre, was nicht heißt, dass es notwendigerweise von dort ist.Wie das geht? Zuhören.

derStandard/rondo/22/3/02

von Johann Skocek

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